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Nachträglich ließen Kirchners Eltern dessen Nachträglich ließen Kirchners Eltern dessen "Struwwelpeter"-Bilder binden. Erstmals sind sie jetzt in der Öffentlichkeit in der neuen Schau in er Moritzburg zu sehen. Foto: S. Christmann Kommentar schreiben
Susanne Christmann

Ein Vierjähriger illustrierte den "Struwwelpeter"

aktualisiert am 17.04.2012 um 13:15:25

Halle (sc). Gerade mal vier Jahre alt war 1884 der kleine Ernst-Ludwig Kirchner, als er wohl nach den Erzählungen seiner Eltern und aus den erinnerten Bildern des Kinderbuchklassikers mit Wasserfarben die bekannten Geschichten „illustrierte“. Seine Eltern müssen sein außergewöhnliches Talent erkannt haben, denn sie ließen diese überraschend intensiven Kinderzeichnungen nachträglich binden. Trotzdem wollten sie mit aller Macht verhindern, dass er eine künstlerische Laufbahn einschlug. Das ist ihnen zum Glück nicht gelungen. Wie man auch wieder in der neuen Schau der Moritzburg „Wort wird Bild. Illustrationen der ‚Bücke’-Maler, die ab dem 5. Februar zu sehen ist, erkennen kann.

 

Die Beschäftigung der »Brücke«-Maler mit literarischen Themen am Beginn des 20. Jahrhunderts fällt in eine Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs. Diese Aufbruchsstimmung schlug sich in zahllosen, meist kurzlebigen Zeitschriften nieder. Der Expressionismus hat darüber hinaus eine Fülle von Illustrationen und graphischen Bildzyklen hervorgebracht, mit denen die Künstler Werke der Literatur illustrierten und deuteten, dabei mit ihren künstlerischen Mitteln experimentierten und so besonders die ausdrucksvolle Sprache des Holzschnitts wieder zu neuem Leben erweckten. Vielfach haben gerade die Künstler der „Brücke“ in ihren Werken den konventionellen Begriff der Illustration erweitert und diese - in den besten Fällen - von der reinen Bebilderung zu einer ästhetischen Verschmelzung von Text und Bild geführt.
Frühe Beispiele einer gelungenen Auseinandersetzung mit Text und Bild sind die im Jahr 1907 geschaffenen Lithographien Ernst Ludwig Kirchners zum Drama »Sakuntala« des Dichters Kalisada (ein indischer Klassiker aus dem 5. Jahrhundert) und Erich Heckels Holzschnitte zu Oscar Wildes »Die Ballade vom Zuchthaus zu Reading«.

 

Ernst Ludwig Kirchners Holzschnitte zu Adelbert von Chamissos Novelle „Peter Schlemihls wunderbare Geschichte“ von 1915 gelten als Höhepunkte der expressionistischen Grafik, denn er legt die literarischen Vorlagen nicht im wörtlichen Sinn aus, sondern rückt die Erzählung in autobiografische Zusammenhänge und lässt die Werke ihre Wirkung im kompositorischen Spannungsverhältnis von Text und Bild entfalten.
Ähnliches geschieht auch in Georg Heyms Gedichtband „Umbra vitae“, dort schneidet Kirchner für die Ausgabe von 1923 den Text eines Gedichts („Alle Landschaften haben sich mit Blau erfüllt“) in Holz und kombiniert den Text mit der bildlichen Darstellung zu einem einzigen Holzschnittblatt.

 

Auch Erich Heckel hatte seit seiner Schulzeit ein großes Interesse an der Literatur. Schon 1907 entstand mit den erwähnten Holzschnitten zu Oscar Wilde einer der bedeutendsten Illustrationszyklen des deutschen Expressionismus, bald darauf wandte sich Heckel der russischen Literatur zu und ließ sich insbesondere von Dostojewski zu eindringlichen Werken inspirieren. Sogar der literarisch eher desinteressierte Max Pechstein hat etliche Illustrationen und Entwürfe für Bucheinbände geschaffen, die sich allerdings eher an den gebräuchlichen Darstellungsweisen literarischer Themen orientierten.

 

Das Thema „Illustrationen der Brücke-Maler“ wurde bislang lediglich in Einzeldarstellungen erörtert oder war in größere thematische Zusammenhänge eingebunden. Eine gemeinsame und vergleichende Betrachtung dieser Illustrationen, bei der sowohl Berührungspunkte, aber auch individuelle Eigenheiten der Brücke-Künstler deutlich werden, hat es bislang noch nicht gegeben. Aufgrund der Fülle des Materials konzentriert sich die Ausstellung auf Arbeiten, die als Illustrationen zu literarischen Werken geschaffen wurden oder aus der unmittelbaren Reaktion auf die Auseinandersetzung mit Literatur entstanden sind.
Die Ausstellung mit Werken der Sammlung Hermann Gerlinger, die durch bedeutende Leihgaben aus der Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin, dem Brücke Museum Berlin und dem Kirchner Museum Davos ergänzt werden konnte, zeigt über 80 Holzschnitte, Lithographien und Radierungen von Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel, Karl Schmidt-Rottluff und Max Pechstein.

Zur Ausstellung erscheint neu „Almanach der Brücke 2 .Wort wird Bild. Illustrationen der ‚Brücke’-Maler“, der ab 5. Februar im Museums-Laden zu haben ist.

Begleitprogramm zur Ausstellung: „Bilder zu Texten“ - 10. Seniorenwerkstatt. Als Federzeichnung und mit kalligrafischen Elementen entstehen Bilder zu literarischen Texten. Zum Abschluss werden die einzelnen Arbeiten zu einem Buch zusammengestellt (Vom 10. – 13. April, tägl. 10 – 13 Uhr). Szenische Lesung. Sprechbuehne der Martin-Luther-Universität Halle – Wittenberg „In roten Schuhen tanzt die Sonne sich zu Tod am Rand der Nacht“ Expressionistische Lyrik. Premiere am 22.04.2012 um 17.00 Uhr statt. Weitere Aufführung 03.06. 2012, 17 Uhr.



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