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Thomas Schmidt Thomas Schmidt
aktualisiert am 16.02.2017 um 12:41:14

Einfach mal richtig Schwein gehabt

Einfach Schwein hatte Redakteur Thomas Schmidt, hier mit Yvonne Willemsen bei den Ferkeln im Abferkelbereich des Schlaitzer Zuchtbetriebes. Einfach Schwein hatte Redakteur Thomas Schmidt, hier mit Yvonne Willemsen bei den Ferkeln im Abferkelbereich des Schlaitzer Zuchtbetriebes.
Foto: Stefan Julius Galerie (8 Bilder) Galerie (8 Bilder) Galerie (8 Bilder) Galerie (8 Bilder) Galerie (8 Bilder) Galerie (8 Bilder) Galerie (8 Bilder) Galerie (8 Bilder)
Reporter Thomas Schmidt unterwegs als Praktikant - diesmal bei der Schlaitzer Tierzucht GmbH. In Schlaitz geht es quasi um die Ferkelei - eine moderne Ferkel- und Sauenaufzucht.

Schlaitz (ts).
Ich übertreibe nicht, wenn ich heute davon berichte, dass es im Schlaitzer Aufzuchtbetrieb um eine große Ferkelei und Sauerei geht. Am Rande der Dübener Heide betreiben Albert und Jan Willemsen seit 1998 eine Sauen- und Ferkelzucht sowie Landwirtschaft und in Gräfenhainichen Schafhaltung sowie eine Schweinemastanlage in Mockrehna. Ich habe den Betrieb besucht und mich dort mal als Praktikant versucht. Auch in Schlaitz geht es zeitig los, genau genommen um 06:30 Uhr. Etwas abseits vom Ort begrüßen mich Albert und Ehefrau Yvonne Willemsen sehr herzlich und ich bin sehr dankbar, als es vorab einen starken Kaffee zur Aufmunterung gibt. Ob der etwas gebracht hat, dazu später mehr.

Dann folgt auch schon die erste Überraschung, das sogenannte Einduschen und Passieren der Hygieneschleuse, denn Hygiene wird hier besonders groß geschrieben. Außer die Mitarbeiter, der Tierarzt und eventuell mal ein notwendiger Handwerker kommt normalerweise keine fremde Person in den Stall. Zudem musste ich versichern, dass ich 48 Stunden vorher keinen Kontakt zu anderen Schweinen hatte. Hatte ich nicht - also Schwein gehabt. Weiterhin sollte ich mich aller meiner Sachen bis auf die Unterwäsche, ja Sie lesen richtig, entledigen.

Alles muss komplett draußen bleiben. Dafür wurde ich mit einer naturfreundlichen grünen Betriebskleidung belohnt. Mütze und Schal mussten unter das UV-Licht, damit die Keime dort abgetötet werden. Hinter der Schleuse erwartet mich dann ein etwa 100 Meter langer Gang, von dem aus rechts und links verschiedene Stallungen und Futteraufbereitungsanlagen abgehen. Eine imposante Erscheinung und ich bin das erste Mal schwer beeindruckt, ohne auch nur ein einziges Tier gesehen zu haben. Im Gebäude untergebracht sind 1.600 Sauen und im Durchschnitt 7.000 Ferkel. Dazu kommen in Mockrehna 8.000 Mastschweine und in Gräfenhainichen 350 Freilandschafe.

Yvonne Willemsen erzählt voller Stolz, dass der Betrieb QS-zertifiziert und auch im Tierwohl organisiert ist. "Unsere Tiere haben mehr Platz und Licht, dazu werden die Tiere auch mit Spielzeug beschäftigt", so die Fachfrau. Albert Willemsen erklärt mir weiter, dass man keine Jungsauen zukaufe, alle "Schweinemuttis" stammen aus der eigenen Zucht. Außer dass Ebersperma, welches von der weltweit agierenden Firma Toppigs aus Holland kommt, gibt es kein weiteres genetisches Material, um das Risiko des Einschleppens von Krankheiten so gering wie möglich zu halten.

In Schlaitz gibt drei Bereiche: den Besamungsbereich, den Abferkelbereich und den Absatzbereich (Aufzucht). Albert erklärt mir beim Gang in den Besamungsbereich, dass gerade dort die Hygiene und Sauberkeit sehr wichtig sind, damit vor allem Keime keine Chance haben. Die Besamung erfolgt über den künstlichen Weg. Dennoch kommen die sieben Eber der Einrichtung zum Einsatz. Aber leider kommen die Jungs dabei nicht zum Zuge, denn sie patrouillieren in den Gängen und die Sauen sind räumlich von den Gängen getrennt. Doch die bloße Anwesenheit der Eber versetzt die Sauendamen in Stimmung, die so genannte Rausche. Das geschieht in der Regel nach vier Tagen und am fünften Tag werden die Sauen künstlich besamt. 

Es gibt eine Exklusivführung durch diesen geräumigen und sensiblen Bereich. Nach dem Besamen bleiben die Tiere noch drei Wochen in ihrem eigenen Bereich, sodass sich die befruchteten Eizellen in Ruhe einnisten können. Nach weiteren drei Wochen werden die Tiere gescannt - eine Trächtigkeitskontrolle, ähnlich wie beim Ultraschall. Auch hier fällt mir wieder auf, wie sauber und aufgeräumt alles ist, das trifft im Übrigen für den gesamten Betrieb zu. Auch der typische Geruch nach Gülle ist kaum wahrnehmbar, dafür sorgt neben der Hygiene und der Sauberkeit eine Entlüftung. Die Gülle wird im Übrigen in der benachbarten Biogasanlage in Wärme umgewandelt und somit energieeffizient wieder zugeführt.

Danach werden die tragenden Sauen in den sogenannten Wartebereich überführt und die nicht tragenden Tiere gehen in eine neue Deckgruppe, bekommen quasi eine neue Möglichkeit schwanger zu werden. Bisher brauche ich außer Staunen noch keine körperlichen Tätigkeiten praktizieren, daher wirkt mein Morgenkaffee von vorhin absolut im Kopf und ich bin hellwach. In der großen Gruppe der schwangeren Sauen wird den ganzen Tag lang relaxt und gespielt.

Das ist wichtig, damit die Tiere genügend Bewegung und Ablenkung haben. Alle Sauen sind mit einem Chip im Ohr versehen. Dieser speichert alle relevanten Daten, wie z. B. den Futterschleusenbereich, Vitalwerte und hilft bei der Überwachung des Allgemein- und Gesundheitszustandes der Tiere. Auch hier gibt es für mich nicht viel zu tun, außer die Tiere ein klein wenig zu streicheln und zu massieren. Sie nehmen es dankbar an. Ruckzuck bin ich von den Sauen umlagert und jede möchte mal drankommen.

Dann geht es für mich zur Fütterung. Diese läuft ganz automatisch und computergesteuert ab. Ich bin fasziniert, Hightech auch im Schweinestall. Im Grunde genommen ist dieser Vorgang ganz einfach. Es gibt mehrere kleine Schleusen. Betritt eine Sau die Schleuse im leeren, also „nüchternen“ Zustand, erfolgt eine Eingangserkennung mittels Lichtschranke. Dann schließt sich die Tür hinter dem Tier. Über einen Scanner und eine integrierte Antenne identifiziert der Computer als erstes die Sau und der Computer prüft, ob die Sau an diesem Tag schon gefressen hat. Hat sie schon gefressen, öffnet sich auf der anderen Seite die Klappe und die Sau geht ohne Futter wieder raus.

Hat sie nur einen Teil oder noch gar nicht gefressen, besteht Anspruch auf Futter. Das nenne ich mal moderne Ernährung, nichts ist unkontrolliert. Dann öffnet sich eine Klappe und der Trog wird portionsweise und dosiert mit Futter befüllt. Ich komme aus dem Staunen nicht mehr raus. Ich bin auch hier von körperlicher Arbeit weit entfernt und nur in der Funktion als Überwacher tätig. Etwa eine Woche vor dem erwarteten Geburtstermin der Ferkel kommen die Sauen aus dem Wartebereich in die Abferkelbuchten. Ein weibliches Schwein hat dabei einen Trage- und Geburtszyklus von drei Monaten, drei Wochen und drei Tagen. Wie auch immer sie das machen, alle Ferkel werden innerhalb von 2- 3 Tagen geboren. Ich bin völlig verblüfft.

In den Abferkelbuchten angekommen, fällt sofort die angenehme Wärme auf, dazu angepasstes Licht, quasi Wohlfühlatmosphäre für Mütter und Kinder im Stall. Vor der Geburt der Ferkel werden die Sauen geduscht und desinfiziert. Endlich darf ich auch mal körperlich arbeiten, nun ja, sagen wir fast. Ich drehe die Schweineduftdusche auf und die Sauen genießen sichtlich die mollige Atmosphäre unter den warmen Wasserstrahlen.

Den Tieren dabei zuzusehen, wie sie sich wohlfühlen, das bewirkt auch bei mir gute Laune. In einem anderen Bereich sind schon alle Ferkel geboren und wieder komme ich aus dem Staunen nicht raus. Die Fußböden sind mit einer Fußbodenheizung ausgestattet, damit weder die Sauen noch die Ferkel frieren müssen. Rechts und links neben der Sau lassen sich die Fußböden absenken. Das dient dazu, dass, wenn die Schweinemutti mal Lust auf Ruhe hat, die Ferkel ein paar Zentimeter weiter in einem abgesenkten warmen Bereich verweilen. Legt sich die Schweinemutti hin, hebt sich der Fußboden automatisch und alle Ferkel können genüsslich an den Zitzen trinken. Positiver Nebeneffekt, legt die Sau sich unverhofft hin, können so Ferkel nicht erdrückt werden. 

Nach 26 Tagen kommen die Ferkel in den eigens dafür eingerichteten Ferkelstall. Dabei werden männliche und weibliche Tiere in Gruppen von etwa 25 Ferkeln getrennt eingestallt. Yvonne und ich gesellen uns kurz zu einer weiblichen Ferkelgruppe. Im ersten Moment sind alle genau in der entgegengesetzten Ecke in Deckung gegangen. Doch die Fachfrau, die in ihrer wenigen Freizeit gerne rudert, meint: "Es dauert nur einige Sekunden, Schweine und besonders Ferkel sind von Haus aus extrem neugierig." - so dauert es wirklich nur wenige Augenblicke und alle Ferkel umzingeln uns.

Genüsslich genießen wir das Bad in der Ferkelmenge und die Ferkel genießen ihrerseits die Streicheleinheiten. Yvonne erklärt mir, dass ein Teil der Buchten auch mit Fußbodenheizung ausgestattet sind, weil die Schweinekinder die Wärme dringend brauchen. "Bei einem Gewicht von etwa 25 kg werden die besten weiblichen Tiere herausgesucht und gehen in die Aufzucht", erklärt mir Albert. Ein Teil der weiblichen Tiere verbleibt in Schlaitz zur Zucht, der andere Teil sowie die männlichen Tiere gehen dann in den Mastbetrieb nach Mockrehna ins benachbarte Sachsen.

Dann wollen mir Yvonne und Albert  unbedingt noch die Futteraufbereitung zeigen. Zuerst geht es in die Zentrale. Wie nicht anders erwartet, ist auch hier alles computergesteuert. An mehreren Monitoren kann man die Zusammenstellung der verschiedenen Futterzubereitungen einstellen und kontrollieren. Im Raum daneben stehen riesengroßer Behälter, alle gefüllt mit verschiedenen Nahrungsmitteln.

Mit Ausnahme der Ferkel werden alle Tiere flüssig gefüttert. Dieses gesunde und nahrhafte Futter wird im Schlaitzer Betrieb aus mehreren festen und flüssigen Komponenten zusammengestellt. Jede Tiergruppe bekommt sein eigenes, speziell auf sie zugeschnittenes Futter. Mit dabei sind Getreide und Soja, die wichtigsten Bestandteile des Futters. Doch auch Nebenprodukte aus der Lebensmittelindustrie wie Molke, Kartoffeldampfschalen, Biertreber und noch weitere sind dabei. Ich bin sehr positiv erstaunt und ich muss gestehen, ich hatte mir das alles ganz anders vorgestellt. Keine Mistgabel, keine Schippe und auch keine ätzend riechende Gülle -  alles hygienisch und sauber sowie ohne größere Gerüche.

Schweinezucht und Schweinemast im 21. Jahrhundert. Ich bin völlig tiefenentspannt und auch hier ist der Tierwirt von der körperlichen Arbeit weit entfernt und  eher zum Überwacher der Technik geworden. Zum Schluss erklärt mir Yvonne Willemsen noch einen Feldversuch beim eigenen Futtermittelanbau. Die Haupteiweißquelle in der konventionellen Schweinezucht ist das sogenannte Sojaextraktionsschrot und der Überseeimport wird schon seit längerer Zeit qualitativ infrage gestellt.

Doch es gibt eine Alternative, die allerdings von den Kosten her höher liegt. Gemeint ist die „Blaue Lupine“ als lupenreiner Fett- und vor allem Eiweißlieferant. Diese erzeugt außerdem noch einen sparenden und ökologischen Nebeneffekt. Lupinen brauchen als sogenannte Stickstoffsammler kaum gedüngt zu werden. Das wiederum schont auch die Böden. Ich habe in der Schlaitzer Tierzucht GmbH - mit Yvonne und Albert Willemsen - viel über nachhaltige Schweinezucht und vor allem über das Tierwohl im Stall erfahren. Wenn der Verbraucher jetzt noch diese Nachhaltigkeit bei Nutztieren akzeptiert, haben es dann die wenigen „schwarzen Schafe“ ganz schwer und irgendwann ist die Herde weiß. 
 
Mein persönliches Fazit:
Auch hier ist der Berufsstand des Tierwirts weit von körperlicher Arbeit entfernt und er ist zum Überwacher der sensiblen Technik geworden. Im Bereich der Schweinezucht wird Betriebshygiene großgeschrieben. Das fängt beim persönlichen Einduschen an, geht über die Reinigung und Desinfektion der Ställe bis hin zum Waschen der Tiere und die genaue Kontrolle bei der Besamung, der Ferkel, der Jungtiere und der Sauen. Weiterhin geht es um die Zusammenstellung und Kontrolle der gesunden und nahrhaften Kost für alle Tiergruppen, sowie die konsequente Einhaltung und Durchsetzung von Hygieneregeln.


Die Schlaitzer Lw. Tierzuchtbetrieb GmbH:
Die heutige Schlaitzer Lw. Tierzucht GmbH wurde als Tierzuchtbetrieb 1975 erbaut und als ZBE (Zwischen Betriebliche Einrichtung) betrieben. 1991 umgewandelt in die Schlaitzer Lw. Tierzuchtbetrieb GmbH und Ende 1998 durch Jan und Albert Willemsen übernommen. Im Betrieb befinden sich im Durchschnitt 1.600 Sauen und 7.000 Ferkel. In allen vier Standortbereichen sind 32 Mitarbeiter beschäftigt. Das Sperma für die Sauen stammt von einem Zuchtunternehmen, dass seinen Ursprung in den Niederlanden hat, jedoch mittlerweile weltweit vertreten ist. Durch strenge Hygieneregeln wird das Risiko des Einschleppens von Krankheiten so gering wie möglich gehalten. Dadurch ist eine Behandlung mit Antibiotika eine Ausnahme. Neben den Schweinen bewirtschaftet der Betrieb noch etwa 400 Hektar Acker und 200 ha Wiesenfläche. Zum Unternehmen gehört außerdem eine Schafherde, die sich unter Aufsicht von Schäfer Jörg Fritzsche befindet. Auf den Ackerflächen sind ökologische Blühstreifen für Bienen und andere Liebhaber angebaut. Auf dem Rest werden Getreide und als Probe Hirse, eine Zwischenfrucht für die Biogasanlage, sowie Lupinen angebaut.

 

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