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Wochenspiegel > Bitterfeld-Wolfen > Denkmal für die Chemiekatastrophe eingeweiht >
Thomas Schmidt Thomas Schmidt
aktualisiert am 18.07.2019 um 14:32:30

Denkmal für die Chemiekatastrophe eingeweiht

Ein Tag, an dem die Welt in Bitterfeld nicht mehr die Gleiche ist, war der 11. Juli 1968, das schwerste Chemieunglück reißt viele in den Tod. Jetzt wurde vor einigen Tagen endlich das lange geforderte Denkmal zur Erinnerung an die Toten, Verletzten und der Hinterbliebenen feierlich und emotional eingeweiht. Ein Tag, an dem die Welt in Bitterfeld nicht mehr die Gleiche ist, war der 11. Juli 1968, das schwerste Chemieunglück reißt viele in den Tod. Jetzt wurde vor einigen Tagen endlich das lange geforderte Denkmal zur Erinnerung an die Toten, Verletzten und der Hinterbliebenen feierlich und emotional eingeweiht.
Foto: Thomas Schmidt Galerie (4 Bilder) Galerie (4 Bilder) Galerie (4 Bilder) Galerie (4 Bilder)
Ein Denkmal für einen der schwärzesten Tage in der Chemiegeschichte von Bitterfeld hat seinen Standort als Ort der Begegnung, der Stille und für die Trauerbewältigung gefunden.

Bitterfeld-Wolfen (ts).
Am 11. Juli 1968 ereignete sich eines der schwersten Chemieunglücke in der damaligen DDR und die Katastrophe forderte zahlreiche Todesopfer. In der Zörbiger Straße zwischen dem Verwaltungsgebäude des Chemieparks und dem Metalllabor ist ein über zwei Meter hoher Edelstahlbehälter als Nachbildung eines Autoklaven enthüllt worden. Einer dieser Autoklaven explodierte damals und löst eine Kettenreaktion aus. 

Eine gewaltige Explosion und eine unvorstellbare Druckwelle ließ im Umfeld von fünf Kilometern alle Scheiben bersten. Die gewaltige Vinylchlorexplosion riss ganze Familien auseinander. 42 der 57 Arbeiter in der Halle sind sofort tot, 270 Menschen sind teilweise schwer verletzt. Viele sterben an den Folgen dieses gewaltigen Chemieunglücks. Die Zahlen schwanken, die damalige DDR- und Bezirksregierung versuchen anfangs nicht nur die Explosion zu verschweigen, sondern auch das Unglück als solches sowie die Zahlen der Opfer.

Offiziell belegt sind 40 Opfer, die Zahl der damals ums Leben gekommen Menschen liegt jedoch nach Zeitzeugen weitaus höher. Das verdeutlicht einmal mehr, wie das damalige Regime mit Transparenz umgegangen ist. Eine als Zeitzeugin betroffene Angehörige ist Waltraud Schmidt. „Es ist einer der schwärzesten Tage in meinem Leben. Bis zum Schluss blieb noch Hoffnung. Erst kurz vor der offiziellen Trauerfeier dann die Gewissheit, dein Mann Robert ist unter den Opfern. Du bist mit 28 allein, allein mit zwei kleinen Kindern. Das prägt dein Leben“, so die Zörbigerin. Auch die Tochter, Heike Nywelt, ist nach über 50 Jahren fassungslos. „Es ist das Schlimmste für mich als kleines Kind gewesen, zu verstehen, der Papa kommt heute nicht mehr nachhause, er kommt nie wieder nach Hause...“, so die Ramsinerin.

Doch was genau ist passiert...?
Während der Frühschicht entdecken Arbeiter bei einem der zwölf Autoklaven, in denen die PVC-Gewinnung erfolgt, undichte Stellen, normalerweise kein Grund zur Besorgnis, da bei Druckänderungen am Autoklav das gasförmige Vinylchlorid oft einfach abgelassen wird. So ist es auch an diesem 11. Juli 1968. Vor Schichtwechsel gelingt es nicht, die lecken Stellen zu beseitigen. Der Autoklav, in dem bereits Vinylchlorid in großen Mengen eingeströmt war, soll dann aber vollständig entleert werden, um eine neue Dichtung im Manometerflansch einziehen zu können. Wie üblich wird das Gas abgelassen - ein Verfahren, das häufig bei den Arbeitern wegen der narkotischen Wirkung des Vinylchlorids zu Bewusstseinsstörungen führt.

Eine Hupe signalisiert den Austritt von Vinylchlorid - sogenannter "VC-Alarm" -, an diesem Tag jedoch ist die Gaskonzentration entschieden zu hoch. Um 14:02 Uhr - die nächste Schicht hat sich noch garnicht auf die Arbeit eingestellt - erschüttert eine gewaltige Detonation das Werksgelände und ganz Bitterfeld. Die DetonationswelIe walzt große Teile des Betriebes nieder. Wegen des weiter ausströmenden Vinylchlorids kann drei Tage lang nicht mit Schneidbrennern gearbeitet werden, stattdessen müssen die Rettungsmannschaften mit bloßen Händen und einfachem Gerät die Opfer bergen.

Die Zerstörungen in Bitterfeld sind enorm - 80 Millionen Mark direkter Sachschaden. Das Werk wird nicht wieder aufgebaut, die Produktion sofort nach Schkopau zum Buna-Kombinat verlagert." (Quelle: Michael Zschiesche)

Weitere Zeitzeugen sind am Tag der Einweihung anwesend: Peter Krüger, Helmut-Jürgen Rothe, Werner Herrmann, Reinhard Strobl. 40 Tafeln mit den jeweiligen Namen der Todesopfer sollen Erinnerung und Mahnung zugleich sein. Drei dieser Tafeln werden leer bleiben, sie stehen symbolisch für die Opfer der nicht bekannten bzw. offiziell benannten Namen. 

Das Denkmal wurde schon lange eingefordert, private Initiativen und betroffene Personen haben sich vehement dafür eingesetzt. Ein Kritikpunkt war im letzten Jahr die 125 Jahrfeierlichkeiten des Chemiestandortes Bitterfeld-Wolfen, wo dieses Chemieunglück keine Erwähnung fand. Opfer von damals und Hinterbliebene kritisierten diesen Umstand. So gründete sich eine Initiative unter der Führung der Stadt Bitterfeld-Wolfen. Bei der Vorbereitung der Gedenkstätte wurden die Überlebenden, Familienangehörigen und Zeitzeugen intensiv mit eingebunden. 

Dabei ging es um die Ursachenforschung genauso wie um die Namen der Verstorbenen und der verletzten Opfer. Auch die Wahl des Standortes und wie das Denkmal aussehen könnte, wurden hierbei berücksichtigt. Das Mahnmal wurde ausschließlich aus Spendengeldern finanziert, die Summe liegt bei knapp 30.000 Euro.

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