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Torsten Waschinski Torsten Waschinski
aktualisiert am 04.04.2016 um 16:30:11

Handwerker-Serie: Meister polstert die Sofas

Meister seines Faches: Tapeziermeister Gerhard Borrmann aus Greppin wusste schon zeitig, welchen Berufsweg er einschlägt. Meister seines Faches: Tapeziermeister Gerhard Borrmann aus Greppin wusste schon zeitig, welchen Berufsweg er einschlägt.
Foto: Thomas Schmidt Galerie (1 Bild)
Der Wochenspiegel begibt sich auf handwerkliche Pfade zu den Altmeistern. In diesem Teil dreht sich alles um einen Tapeziermeister.

Greppin (ts).
Solange er sich erinnern kann, hatte das Handwerk für Tapeziermeister Gerhard Borrmann immer Goldenen Boden. Und die Nachkriegsgeneration verschrieb sich mit Leib und Seele dem Handwerk. Doch der Goldene Boden ist nach Borrmanns Meinung in der heutigen Zeit ziemlich brüchig geworden.

„Ich stamme aus einer Handwerkerfamilie und das wurde, wie früher üblich, weitervererbt“, erzählt der 88-Jährige Tapeziermeister. Den Grund für seine Berufswahl verrät er auch: Der alltägliche Blick aus dem Küchenfenster in die Nachbarschaft offenbarte immer eine neue Perspektive auf einen alten Polster- und Dekorateurmeister, samt allen Gebrauchsgegenständen. Diese Auswahl und Vielfalt hatte es dem damals jugendlichen Borrmann angetan und somit stand seine Berufsrichtung fest.

Noch in den Kriegswirren 1942 begann er eine Lehre als Polsterer und Dekorateur. Nach dem Krieg und mit der Gründung zweier deutscher Staaten trennten sich auch die Berufsbezeichnungen. Aus einem Polsterer und Dekorateur im Westen wurde im Osten ein Raumausstatter. Auch in diesem Handwerksbereich machte die Not oftmals erfinderisch und allein vom neu Bepolstern alter Sofas konnte man in diesem Handwerk nicht leben.

Altmeister wünscht sich mehr anständige Arbeit

Es kamen im Laufe der Jahre Fußbodenbereiche, Gardinen und auch die Wände mit ins handwerkliche Sortimentsstelldichein. Schon aus der Vielfalt heraus würde Borrmann immer wieder diesem Berufswunsch nachgehen.

Die Zeiten des Kalten Krieges waren nicht immer einfach, doch gerade der damalige große „Bruder“ bot ihm einiges an Aufträgen an. Dort musste fast alles in Rot gefertigt werden und manchmal war es nicht einfach, roten Stoff zu besorgen. Aber der Austausch zwischen den damaligen Handwerksmeistern untereinander funktionierte gut und Improvisationstalent war ohnehin gefragt. Da wurde auch schnell mal aus gebrauchten roten Geweberesten neuer roter Stoff oder „aus zwei mach eins“ und das ganz ohne „Zündstoff“ (Ärger).

Am liebsten war dem Handwerksmeister die Ausstattung von Büroräumen. Dort war er für die meistens angestellten Frauen quasi der Mann für alle Fälle. Auf alle Fälle hatte er nicht die Auswahl wie in der heutigen Zeit. Doch Wühltischcharakter hatte sein Gardinensortiment schon, welches er auf dem Bürotisch immer ausbreitete.

Die Materialbeschaffung gestaltete sich damals in der Ostzone schwierig, dafür war der Zusammenhalt unter den Kollegen groß. Ware gegen Ware, heute du und morgen ich, so die Devise. Gab es dennoch mal „offiziell“ Ware, zog er anfangs noch mit dem Handwagen los, denn auch ein Fahrzeug war schwer zu bekommen - Mangelware.

Diese Mangelwirtschaft hat Borrmanns Meinung nach vielen das handwerkliche Genick gebrochen.

Der Altmeister moniert auch das Handwerk in der heutigen Zeit. Trotz vielseitiger Möglichkeiten möchte kaum noch ein Jugendlicher in einen Handwerksberuf einsteigen. „Ich sehe das Handwerk als gefährdet an. Trotz guter Löhne und Bedingungen finden sich viel zu wenige Nachwuchskräfte“, so ein nachdenklicher Altmeister.

Auch von der Politik zeigt sich Borrmann enttäuscht. „Politiker versprechen viel und halten in der Regel wenig, bis gar nichts - und überall wird, abgebaut, es muss an allen Ecken gespart werden“, so der Tapeziermeister. Von allen, die sich für einen Handwerksberuf entscheiden, wünscht er sich vor allem saubere und anständige Arbeit, dann hat Handwerk vielleicht doch noch Goldenen Boden. Denn Risse kann man kitten und es lohnt sich immer, einem handwerklichen Beruf nachzugehen, und die heutige moderne Technik bedeutet erleichterte Arbeitsbedingungen und eine gewisse Herausforderung für die Zukunft, so ein optimistischer Gerhard Borrmann.

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