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Wochenspiegel > Dessau-Roßlau > „Schwester Heidi hat mir das Leben gerettet“ >
Anke Katte Anke Katte
aktualisiert am 07.08.2019 um 11:52:35

„Schwester Heidi hat mir das Leben gerettet“

Blick in einen Zellentrakt. Blick in einen Zellentrakt.
Foto: Anke Katte Galerie (1 Bild)
Nach dramatischen  Erlebnissen im Jugendhaus Dessau sucht Jochen Scheuermann seine Lebensretterin von einst.

Dessau (red).
Von Torsten Peters erreichte den Wochenspiegel eine E-Mail mit der Bitte, die tragische Geschichte seines Schwiegervaters zu erzählen, in der Hoffnung, dass sich auf diesem Weg ein Kontakt zu seiner damaligen Lebensretterin herstellen lässt.

Als Jugendlicher wurde Jochen Scheuermann von 1969 bis 1972 wegen „unsozialistischen Verhaltens“ in das Jugendhaus Dessau in der Willy-Lohmann-Straße gesteckt. Hier herrschten zu dieser Zeit unmenschliche Verhältnisse. Die Jugendlichen wurden misshandelt, die Hygiene war katastrophal. Ein Großteil des Personals wollte die jungen Menschen nur brechen – auch auf Kosten der Gesundheit. 

Es gab in diesem Zusammenhang nur eine Ausnahme: Schwester Heidi, die in der Anstalt im medizinischen Dienst tätig war und sich – anders als andere – aufrichtig auch um den ausgemergelten Jugendlichen Jochen Scheuermann kümmerte, der nicht nur einmal an Lungenentzündung erkrankte und zudem stark untergewichtig war. 

„Hätte es Schwester Heidi damals nicht gegeben, wäre ich heute nicht mehr am Leben, wiederholt mein Schwiegervater immer wieder“, heißt es in der Mail weiter. 

Jochen Scheuermann möchte Schwester Heidi jetzt sehr gern treffen, um ihr noch einmal von ganzem Herzen zu danken. Allerdings kennt er weder ihren vollständigen Namen noch weiß er, wo sie heute leben könnte. Die einzigen Hinweise, die er geben kann, sind diese: Der Vorname war Heidi, sie war um 1970 zwischen 21 und 25 Jahre alt und hatte rote Haare. 

Einen ihrer Vorgesetzten nannten die Jugendlichen „Unterleutnant Puck“. Sein Dienstgrad war an der Uniform abzulesen, der Spitzname „Puck“ deswegen, weil er ständig diese  DDR-Zigarettenmarke rauchte. Die wirklichen Namen waren im DDR-Vollzug in der Regel tabu.

„Wo steckt meine Lebensretterin Schwester Heidi heute?“, fragt Jochen Scheuermann. „Vielleicht können Ihre Leserinnen und Leser helfen, vielleicht aber liest Schwester Heidi selbst die Geschichte meines Schwiegervaters ...“

Kontakt: 

jochen.scheuermann@
hotmail.com oder Redaktion Wochenspiegel, Tel. 0340 26 11 050, redaktion@wochenspiegel-dessau.de

Hintergrund

In den vier Jugendhäusern, die es zu DDR-Zeiten gab, wurden „jugendliche Rechtsbrecher“ unter Bedingungen des Strafvollzugs untergebracht.

Während ehemalige Mitarbeiter des Strafvollzuges in Dessau hervorheben, dass die jungen Leute hier ihren Schulabschluss nachholen, in der anstaltseigenen Berufsschule einen  Berufsabschluss erwerben, sinnvoller Beschäftigung in Arbeitsgemeinschaften nachgehen konnten und sogar Theaterbesuche an der Tagesordnung waren, ist von früheren Insassen auf knast.net von militärischem Drill, drakonischen Strafen, Jugendhölle und Zwangsarbeit in ehemaligen Großbetrieben zu lesen.

Es bedarf sicher einer unabhängigen Aufarbeitung dieses Kapitels DDR-Geschichte, da unter den Inhaftierten nicht nur Kriminelle, sondern auch Republikflüchtlinge und politisch Andersdenkende waren.





 

Leserkommentare:


Philipp, München:
"Eine "unabhängige Aufarbeitung" finden Sie hier: Maud Rescheleit/Stefan Krippendorf, Der Weg ins Leben, DDR-Strafvollzug im Jugendhaus Dessau. Diese Broschüre von 2002 („Der Weg ins Leben“ – DDR-Strafvollzug im Jugendhaus Dessau) ist nur noch antiquarisch oder als Download verfügbar: https://aufarbeitung.sachsen-anhalt.de/service/broschueren-sachbeitraege/"


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