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Wochenspiegel > Halle (Saale) > Zwei Tote bei terroristischem Anschlag auf Synagoge und Döner-Laden in Halle - Attentäter hat inzwischen zugegeben, dass er in der Synagoge ein Blutbad anrichten wollte >
Susanne Christmann Susanne Christmann
aktualisiert am 11.10.2019 um 13:34:37

Zwei Tote bei terroristischem Anschlag auf Synagoge und Döner-Laden in Halle - Attentäter hat inzwischen zugegeben, dass er in der Synagoge ein Blutbad anrichten wollte

Udate: Laut MDR hat der mutmaßliche Attentäter gestanden: "Der Tatverdächtige des Anschlags von Halle hat den Angriff auf die Synagoge am Mittwoch gestanden. Laut Bundesanwaltschaft in Karlsruhe hat der 27-Jährige aus Benndorf bei Eisleben dabei auch ein rechtsextremistisches, antisemitisches Motiv bestätigt. Der Mann hat den Angaben zufolge beim Ermittlungsrichter des Bundesgerichtshofs umfangreich ausgesagt. Demnach hat er vor zwei Tagen im Paulusviertel in Halle zwei Menschen erschossen und in Wiedersdorf bei Landsberg zwei weitere schwer verletzt. Kurze Zeit später konnte er festgenommen werden. Der Mann sitzt bereits in Untersuchungshaft. Der Ermittlungsrichter am Bundesgerichtshof hatte am Donnerstagabend einen Haftbefehl gegen ihn erlassen. Er wurde mit einem Hubschrauber nach Karlsruhe geflogen.
Die Bundesanwaltschaft wirft dem Mann zweifachen Mord und versuchten Mord in mehreren Fällen vor. Nach Einschätzung der Ermittler wollte er am Mittwoch in der Synagoge ein Massaker anrichten und damit auch Nachahmer zu ähnlichen rechtsextremistischen und antisemitischen Taten anstiften. 

Halle (S. Christmann). Terroristische Attentate bei uns? Aber doch nicht in Halle! Diesen Irrglauben mussten alle in der Stadt am Mittwoch begraben. Denn das, was ein junger  Mann aus Benndorf bei Eisleben vor der jüdischen Synagoge in der Humboldtstraße, im „Kiez-Döner“ in der Ludwig-Wucherer-Straße und dann auf seinem Fluchtweg in Wiedersdorf bei Queis veranstaltete, das waren, wie der Generalbundesanwalt einordnete, Terror-Akte in Reinkultur.

Der 27-Jährige hatte sich gezielt den 9. Oktober für seine Taten ausgesucht und auch gezielt die Synagoge ins Visier genommen, hatte jede Menge Waffen dafür zum Teil selbst gebaut, Munition gehortet. An diesem Tag, an dem in der jüdischen Religion stets der höchste Feiertag Jom Kippur gefeiert wird, war die Synagoge voller Menschen, gut 50 sollen es gewesen sein. Gegen Mittag versucht der mit einer Helmkamera Ausgerüstete zunächst selbst gebastelte Sprengsätze an einer Tür zum jüdischen Friedhof zu zünden. Das funktioniert nicht so, wie er sich das gedacht hat. Wütend schießt er dann mit einer Art abgesägter Schrotflinte durch die Gegend.

Für eine zufällig vorbeikommende Frau war die Tatsache, dass sie ihn leicht verärgert ob seines Tuns ansprach, ihr Todesurteil. Er schoss auf sie. In den Rücken! Dann schoss er auf die Tür der Synagoge. In der Synagoge bekommt man das Geschehen auf der Straße vor der Mauer mit. Dank der installierten Überwachungskamera. Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Halle, Max Privorozki, sagt hinterher: „Unsere Türen haben zum Glück gehalten.“ Eigentlich ein Wunder bei solch' einer Holztür.

Offensichtlich aus Wut darüber, dass er seinen Massenmord-Plan an/in der Synagoge nicht umsetzen kann, fährt er mit einem geliehenen schwarz-silbernen Golf weiter in die Ludwig-Wucherer-Straße. Am „Kiez-Döner“ hält er an. Sein zweites Todesopfer ist ein junger Mann, Handwerker (Maler) und HFC-Fan aus Merseburg, der sich in seiner Mittagspause gerade eine Stärkung holen will. Dann ballert der Mörder draußen weiter, lädt öfter nach, sucht Schutz hinter der geöffneten Fahrertür - alles gefilmt von oben von einem Mieter aus dem Fenster. Die inzwischen eingetroffene Polizei schießt zurück und trifft ihn offensichtlich auch. Er zieht sich ins Auto zurück und flüchtet.

Bis nach Wiedersdorf, wo er sich mit Schussgewalt ein anderes Fluchtauto erpresst. Die Frau und der Mann, die er dabei  schwer verletzt, werden in die Uniklinik nach Halle gebracht und sofort operiert. Die Ärzte schaffen es: „Es besteht derzeit keine akute Lebensgefahr. Beiden geht es den Umständen entsprechend gut“, lässt die Uniklinik am heutigen Donnerstag verlauten. Der Täter indes flüchtet mit dem geraubten Auto weiter und baut dann auf der B 91 in Richtung München Unfall. Er kracht in einen Laster. Hier gelingt es der Polizei, ihn festzunehmen.

Halle ist am Mittwoch seit etwa 14 Uhr wie ausgestorben. Weil man zu diesem Zeitpunkt nicht weiß, ob es noch weitere Täter gibt, hat die Stadt eine „Amoklage“ ausgerufen. Alle sollten in  Gebäuden und Wohnungen bleiben, sich nicht in Fenster- und Türnähe aufhalten. Alle Veranstaltungen werden abgesagt. Gefühlt die kompletten Polizeieinheiten aus Sachsen-Anhalt, Sachsen  und Thüringen sichern das Paulusviertel und das Gebiet um den Hauptbahnhof. Im Netz überschlagen sich die Gerüchte (die jeglicher Grundlage entbehren), dass auch noch woanders „herumgeballert“ werde. Gegen 18 Uhr wird die „Amoklage“ aufgehoben. Hunderte finden sich auf dem Markt  zu einer Trauer-Mahnwache ein.

Am Donnerstag dann schaut mittels der von überall her angereisten Kamera-Teams und Medienvertreter die versammelte Welt auf Halle. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Bundesinnenminister Horst Seehofer, Ministerpräsident Reiner Haseloff, der Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster, Maram Stern (Jüdischer Weltkongress), Landesinnenminister Holger Stahlknecht Halles Oberbürgermeister und Politiker aus Halle kommen zum Tatort an der Synagoge, legen Blumen nieder, legen Schweigeminuten ein, sprechen in der Synagoge mit Max Privorozki. Geben hinterher Statements ab. „Die Vergangenheit mahnt uns“, sagt der Bundespräsident mehrmals, „und die Zukunft fordert uns.“

Er wird noch deutlicher: „Dieser Tag ist ein Tag der Scham und der Schande für Deutschland“. Er fordert Konsequenzen. Der Staat müsse Verantwortung übernehmen für jüdisches Leben , für die Sicherheit jüdischen Lebens in Deutschland. Bundeskanzlerin Merkel sagte ei einem Termin in Nürnberg, dass der Rechtsstaat mit allen Mitteln gegen Hass, Gewalt und Menschenfeindlichkeit vorgehen müsse: „Und da gibt es keinerlei Toleranz“.

Bundesinnenminister Seehofer, der ebenfalls von einem Tag der Schande für Deutschland sprach, sagte auch, dass wir der Wahrheit leider ins Gesicht blicken müssten: Die Gefahr durch Antisemitismus, Rechtsterrorismus, Gewaltbereitschaft und Waffenaffinität sei schon seit längerem sehr hoch. Darauf müsse reagiert werden. Er kündigte an, dass Synagogen sofort mehr und besser durch die  Polizei geschützt werden und zwar dauerhaft. Hassparolen und Hetze im Internet müssten stärker angegangen werden, denn die seien immer die Grundlage  für physische Gewalt. Die Sicherheitsbehörden würden massiv aufgestockt. Im Bundesamt für Verfassungsschutz und beim Bundeskriminalamt würden einige hundert Planstellen zusätzlich eingerichtet.  

Ministerpräsident Reiner Haseloff kündigte an, dass in Dessau und  Magdeburg in den nächsten Jahren zwei neue Synagogen gebaut werden. Er hatte am Donnerstag nach der Pressekonferenz die beiden Schwerverletzten in der Uniklinik in Halle besucht. Landesinnenminister Holger Stahlknecht sprach von den geistigen Wegbereitern für solche Terroristen wie den Halle-Täter.  Er habe sich nicht träumen lassen, dass in das Landesparlament  heute wieder Nazi-Vokabular habe einziehen können. 

Die SaaleBulls wollen bei  ihrem Heimspiel am Freitag mit Trikots auftreten, auf denen statt der Spielernamen Leitworte wie Anerkennung, Demokratie, Integration, Menschenwürde, Miteinander, Respekt, Toleranz, Vielfalt und Zusammenhalt stehen. Im Gedenken an die Opfer des  Anschlages änderte die Stadt  am  heutigen Donnerstag die Melodien ihres Glockenspiels im Roten Turm. Jeweils um 12 Uhr, 15 Uhr und 18 Uhr spielte der hallesche Carilloneur Maximilian Metz live das jüdische Kirchen- und Volkslied „Hevenu Shalom Alechem“.
 
IHK-Präsident Steffen Keitel mahnte an: „Die Verletzung indes, die unser Gemeinwesen durch diese Taten erlitten hat, werden nicht Mediziner, sondern nur wir als Bürger behandeln können. Behandeln müssen! Und zwar gemeinsam, entschlossen und konsequent. Hier muss die Zivilgesellschaft ein Zeichen setzen. Wir müssen diese Diskussion auch in den Betrieben führen.“

Manon Bursian, Direktorin der Kunststiftung Sachsen-Anhalt, sagt am heutigen Freitag zu den Ereignissen von Mittwoch: "Wir sind bestürzt und in tiefer Trauer ob des abscheulichen Anschlages am Mittwoch in Halle (Saale). Als Kunststiftung des Landes Sachsen-Anhalt stehen wir für eine offene demokratische Gesellschaft, Vielfalt und Toleranz.“  Die geplante Finissage für kommenden Sonntag zu THINK BAUHAUS in der Großgarage Süd soll aber stattfinden. „Die Veranstaltung möchten wir gern als Raum für Gespräche anbieten, um über die furchtbaren Geschehnisse in Halle zu reden und zugleich zeigen, dass wir eine offene Gesellschaft leben und die Angst uns nicht in eine Starre versetzen darf. Durch ein gemeinsames Innehalten wollen wir der Opfer gedenken.“ sagt Manon Bursian weiter. Dr. Tamara Zieschang, Staatssekretärin des Innenminsteriums Sachsen-Anhalt, und Prof. Dieter Hofmann, Rektor der Kunsthochschule Burg Giebichenstein, haben ihr Kommen ebenfalls zugesagt. „Wir sind froh, dass wir in solchen Momenten zusammenstehen. Ich lade alle ein, um gemeinsam zu trauern, um zugleich aber auch die Hoffnung auf ein friedliches Miteinander zu stärken und Solidarität auszudrücken.“ Die Finissage findet am Sonntag, 13. Oktober 2019 um 15 Uhr, in der Großgarage Süd statt.

 
Nachdem am Donnerstag-Abend in der Pauluskirche bereits ein Gedenkgottesdienst für die Opfer des Anschlages abgehalten wurde, wird für Montag eine Einladung zum Gedenkgottesdienst in die Marktkirche Halle eingeladen. Er wird gemeinsam mit dem Friedensgebet und dem Semestereröffnungs-gottesdienst der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg gehalten. Dazu laden ein: Bettine Keyßer (Friedensgebetskreis Marktkirchengemeinde) Landesbischof Friedrich Kramer (Evangelische Kirche in Mitteldeutschland) Bischof Dr. Gerhard Feige (Bistum Magdeburg)
Kirchenpräsident Joachim Liebig (Evangelische Landeskirche Anhalts) Universitätsprediger Prof. Dr. Jörg Ulrich (Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg) Propst Reinhard Hentschel und Superintendent Hans-Jürgen Kant (Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Halle) An dem Gedenkgottesdienst werden u.a. Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Dr. Reiner Haseloff und Ministerinnen und Minister der Landesregierung sowie Mitglieder der Martin-Luther-Universität Halle- Wittenberg teilnehmen. Anlässlich des Terroraktes in Halle (Saale) findet am Montag (14. Oktober, 17 Uhr) ein Gedenkgottesdienst in der Marktkirche Halle statt.

Die vier Profi-Sport-Vereine der Stadt Halle  haben sich nach den tödlichen Attentaten auf eine nie dagewesene Aktion der Solidarität und Entschlossenheit verständigt. Saale Bulls, Gisa Lions, Wildcats und Hallescher FC rufen zu einem gemeinsamen Zeichen gegen Gewalt, Rassismus und Antisemitismus auf. Auftakt ist das Heimspiel der Saale Bulls am heutigen Freitagabend im Sparkassen-Eisdom. Bevor am 11. Oktober um 19.30 Uhr das erste Bully des Eishockey-Proficlubs aus Halle erfolgt, werden sich auf dem Eis die Teams und Repräsentanten der vier größten Clubs der Stadt hinter einem Banner versammeln mit der Botschaft: Zusammen gegen Gewalt, Rassismus und Antisemitismus. Das Quartett an Mannschaftssportlern bittet alle Sportbegeisterten der Stadt, zum Zeichen der Anteilnahme in den Sparkassen-Eisdom zu kommen und gemeinsam der Opfer zu gedenken. Fünf Euro jeder Eintrittskarte werden den Hinterbliebenen und Angehörigen der Todesopfer vom vergangenen Mittwoch gespendet. Diese gemeinsame Solidaritäts-Aktion der Profivereine aus Halle  wird bei den bevorstehenden Heimspielen der Handball-Damen (12.10., 19 Uhr) und der Basketball-Frauen (13.10., 16 Uhr) fortgesetzt. Beim nächsten Heimspiel des Halleschen FC gegen den SV Meppen am 26. Oktober um 14 Uhr schließt sich der Kreis im ERDGAS Sportpark mit der vierten und letzten Sportveranstaltung.
 
Darüber hinaus wird ein Spendenkonto für die Hinterbliebenen bei der Saalesparkasse als Partner aller vier Proficlubs eingerichtet. Die Vereine rufen ihre Fans, Anhänger und Sponsoren sowie die Hallenserinnen und Hallenser zu tatkräftiger Solidarität mit den Angehörigen der Opfer auf. Anlässlich des HFC-Heimspiels gegen Meppen wird das Ergebnis der Spendenaktion öffentlich bekanntgegeben.




 

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