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Susanne Christmann Susanne Christmann
aktualisiert am 05.09.2018 um 14:38:32

Kammern schlagen Alarm: für viele Ausbildungsberufe finden sich kaum noch Lehrlinge - Bleiben die Dächer bald ungedeckt?

Dachdecker ist ein (auch) körperlich anspruchsvoller Beruf. Fachkräfte-Nachwuchs wird hier dringend gesucht. Doch dafür muss sich in Politik und Gesellschaft einiges ändern, meinen die gewerblichen Kammern.                                                               Dachdecker ist ein (auch) körperlich anspruchsvoller Beruf. Fachkräfte-Nachwuchs wird hier dringend gesucht. Doch dafür muss sich in Politik und Gesellschaft einiges ändern, meinen die gewerblichen Kammern.
Foto: Foto: www.amh-online.de
Halle (S. Christmann). Gab es vor zwölf Jahren im Kammerbezirk Halle noch 100 junge Leute, die eine Dachdecker-Lehre absolvierten, waren es zwei Jahre später noch 79 und Ende 2017? Nur noch 51! Viel zu wenig, um den Fachkräftebedarf in dieser Branche auch nur annähernd - Ironie des deutschen Sprachgebrauchs - zu decken.

Das Problem ist aber keineswegs eines nur dieser Branche. Seien es Restaurantfachleute, Hotelfachkräfte, Fachleute im Gastgewerbe oder - ganz dramatisch - Köche - überall hat die Zahl der Ausbildungsverhältnisse im vergangenen Jahrzehnt so dramatisch abgenommen, dass jetzt die Handwerkskammer Halle und die IHK Halle-Dessau laut Alarm schlagen. Wenn es so weiter gehe, könnten die gewerblichen Kammern ihrer Verantwortung, für gut ausgebildeten Fachkräftenachwuchs in der Wirtschaft zu sorgen, nicht mehr voll gerecht werden.

Handwerkskammer-Präsident Thomas Keindorf beschwor beim Pressetermin am vergangenen Freitag in „seinem" Hause (der Handwerkskammer in der halleschen Gräfestraße) schon die Zeit, in der es bald tatsächlich Häuser geben werde, deren Dach ungedeckt bliebe, weil sich einfach kein (freier) Dachdecker mehr fände, der das erledigen könnte. Denn eigentlich sei es, was den Lehrlingsmangel beträfe, nicht mehr fünf vor, sondern schon fünf nach zwölf. Viele Gaststätten hätten ihre Öffnungszeiten eingeschränkt, die ersten ihr Geschäft bereits gänzlich aufgegeben, weil sie weder für die Küche noch für die Bedienung der Gäste geeignetes Personal gefunden hätten.

Die Gründe für diese Entwicklung sehen die Kammern nicht nur in der demografischen Entwicklung. Sondern neben dem bürokratischen Aufwand und den Zusatzkosten, die der Wirtschaft seitens des Staates aufgebürdet würden, in der ungenügenden Allgemeinbildung der Jugendlichen, der schlechten Verteilung der Berufsschulen, zu denen die jungen Leute Wegstrecken über Gebühr in Kauf nehmen müssten, einem in Sachsen-Anhalt immer noch fehlenden Azubi-Ticket und - ganz besonders beklagt - der im Gegensatz zur akademischen Laufbahn über Gymnasium und Studium ungenügend gewertschätzten Berufsausbildung.

Handwerkskammer-Präsident Thomas Keindorf: „Aus Sicht der Wirtschaft muss eine gesamtgesellschaftliche Diskussion in Gang kommen, dass die Wege zum Wunschberuf auch mit einer Berufsausbildung möglich sind." Auch eine Meisterausbildung berechtige schließlich für ein anschließendes Studium. Allerdings: die Meisterausbildung muss der Anwärter in der Regel selbst finanzieren. Gleichstellung der Ausbildungswege sähe anders aus. Und schon stand am vergangenen Freitag die Forderung nach Gebühren fürs Studium (wieder einmal) im Raum.

Dabei dürfte die fehlende Nachfrage nach Ausbildungsplätzen nicht (immer nur) am Geld liegen. Ein künftiger Gerüstbauer bekommt zum Beispiel im letzten Ausbildungsjahr immerhin 1 300 Euro im Monat und auch die künftigen Friseure gehen inzwischen mit einigem mehr als mit den stets bemühten kargen 120 Euro nach Hause.

In ihrem Zehn-Punkte-Katalog fordern die beiden Kammern denn auch neben der Verbesserung der Allgemeinbildung der Jugendlichen, dass die „Karriere mit Lehre" von allen Seiten stärker in den Fokus der Jugendlichen gerückt werde. Schulfächer mit wirtschaftlichem Inhalt müssten gestärkt werden. Benachteiligte Jugendliche müssen weiter gefördert, Flüchtlinge besser in die duale Ausbildung integriert werden. Vor allem müsse der Berufsschulunterricht flexibel, ausbildungs- und wohnortnah organisiert werden. Wozu im Übrigen das Schulgesetz geändert werden müsste, damit die Azubis jeweils die nächstgelegene berufsbildende Schule im Land entsprechend ihrer Fachspezifik besuchen könnten. Schließlich müssten auch die Ausbildungsinhalte stetig dem Arbeitsalltag angepasst, überprüft und modernisiert werden, denn die Digitalisierung verändere die Arbeitswelt in nahezu allen Bereichen.

Aus dem Mangel an geeigneten Azubis folge für die gewerbliche Wirtschaft auch das Problem, dass sich immer weniger jungen Leute fänden, die ein Unternehmen übernehmen, geschweige denn eines selbst gründen wollten. Hier, so IHK-Präsidentin Carola Schaar, sei inzwischen die Schmerzgrenze erreicht. Handwerkskammer-Präsident Thomas Keindorf fragt daher: „Warum gibt es in diesem Land eigentlich kein Ministerium für berufliche Bildung?" Ein klares Bekenntnis zur beruflichen Bildung würde auch (die bitter nötige) Stärkung des ländlichen Raumes bedeuten.

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