Aktuelle Ausgabe als E-Paper


Aktuelle Ausgabe als E-Paper Aktuelle Ausgabe als E-Paper


E-Paper Archiv

die vorhergehende Ausgabe

E-Paper Archiv E-Paper Archiv
MZ Immobilien

Sehr geehrte Damen und Herren,


zur Zeit bereiten wir eine neue Anzeigenannahme vor.

Schicken Sie Ihre Anzeige bitte vorübergehend an folgende E-Mail-Adresse:
info@wochenspiegel-halle.de

Telefon: (0345) 130 10 0
Fax: (0345) 130 10 61
Wochenspiegel > Köthen > Handwerker-Serie: Meisterin mit Nadel und Faden >
Torsten Waschinski Torsten Waschinski
aktualisiert am 20.04.2016 um 17:35:40

Handwerker-Serie: Meisterin mit Nadel und Faden

Meisterin ihres Fachs: Damenschneidermeisterin Inge Schöne aus Werdershausen. Noch heute kann sie mit ihrem Handwerkszeug umgehen. Meisterin ihres Fachs: Damenschneidermeisterin Inge Schöne aus Werdershausen. Noch heute kann sie mit ihrem Handwerkszeug umgehen.
Foto: Torsten Waschinski Galerie (1 Bild)
Der Wochenspiegel begibt sich auf handwerkliche Pfade zu den Altmeistern. In diesem Teil dreht sich alles um eine Damenschneidermeisterin.

Werdershausen (TW/vs).
Inge Schöne war noch ein junges Mädchen, als sie ihre Leidenschaft fürs Nähen entdeckte. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg kamen Flüchtlinge bei ihrer Familie in Werdershausen unter. Sie konnten mit Nadel und Faden umgehen. Die kleine Inge schaute den Gästen viel über die Schulter und versuchte sich dann selbst einmal. Es bereitete ihr große Freude und sie kam davon nicht mehr los.

Bis heute steht in ihrem Haus eine Nähmaschine. An der Wand daneben hängen ihre Meisterbriefe. Nach drei Jahren Lehre und drei weiteren Jahren als Gesellin legte die heute 73-Jährige am 14. Juli 1965 in Karl-Marx-Stadt (jetzt wieder Chemnitz) ihre Prüfung als Damenschneidermeisterin ab. Gelernt und gearbeitet hat Inge Schöne zunächst in Köthen und Gröbzig. 1968 machte sie sich selbstständig und hielt sich seither mit Reparaturen und Dienstleistungen über Wasser.

Finanziell reich geworden ist sie bei Weitem nicht, aber sie konnte von ihrem Handwerk leben. Die Preise, die sie für Änderungen nehmen durfte, wurden ihr zu DDR-Zeiten vom Staat vorgeschrieben. Die Meisterin kramt dafür aus ihrem Archiv ein kleines altes Heftchen hervor, in dem alle Leistungen aufgelistet sind und das, was sie dafür nehmen durfte.    

Ein Blick in das Heft bringt sie heute zum Schmunzeln. Alles schrieb ihr der Staat vor, zum einen die Höhe ihres Verdienstes und zum anderen, dass sie weder Gesellen beschäftigen noch Lehrlinge ausbilden darf. So saß sie also allein in ihrer Nähstube. Nur das Radio lief den ganzen Tag und informierte sie über alles, was draußen passierte. Aber es war auch eine schöne Zeit, und über einen Mangel an Aufträgen konnte sie weiß Gott nicht klagen.

Bis zu vier Wochen Wartezeit mussten Kunden manchmal in Kauf nehmen, weil Schön‘s Inge alle Hände voll zu tun hatte.

Gern denkt sie zurück an die Tage, als die Kunden Fotos aus Westzeitschriften vorlegten und genau das abgebildete Kleid für sich nachgenäht haben wollten. Manchmal brachten sie sogar den Stoff mit, wobei für Meisterin Schön diesbezüglich keine Not bestand. Oft bekam sie Stoffe aus der Spinndüse Gröbzig, um sie zu auszutesten, bevor sie in den Westexport gingen. Da kam einiges, auch mal besonders zusammen

Als gelernte DDR-Bürgerin und als Handwerksmeisterin standen Improvisationen und neue Ideen ohnehin auf der Tagesordnung von Inge Schöne. Bettlaken verwandelte sie in Kostüme und aus Windeln zauberte sie Blusen. Unter der Nähmaschine der Damenschneidermeisterin erblickten auch viele Hochzeitskleider das Licht der Welt. Manche bestickte sie sogar mit Perlen. Ein anderes wiederum kam mal zurück, weil die Braut versehentlich ein Loch hineinbrannte. Weil das der Bräutigam nicht sehen sollte, waren die geschickten Hände von Inge Schöne gefragt. Dabei hing das Kleid später nur noch im Schrank, erinnert sich die Altmeisterin.

Kleider nähen beherrschte sie aus dem Effeff, als die Damenhosen immer mehr die Mode dominierten, hat sie sich alles selbst beigebracht - vom Schnitt bis zur Herstellung.

Den sprichwörtlich Goldenen Boden des Handwerks sieht Inge Schöne für ihre Branche jetzt nicht mehr. „Ein Damenschneider wird heute nicht mehr gebraucht“, seufzt sie etwas wehmütig. Fast alles wird heutzutage billig im Ausland produziert. Was sie daran besonders ärgert, sind die billigen Löhne und die miserablen Arbeitsbedingungen der Näherinnen dort. Ihr fehlt die Wertschätzung für ihr Handwerk.

Ab und zu ändert Inge Schöne noch hier und da einige Kleidungsstücke auf Anfrage. Ihr Geschäft hat sie aber längst aufgegeben und sich zur Ruhe gesetzt.

Voriges Jahr ehrte sie die Handwerkskammer mit für das 50-jähige Meisterbestehen mit dem Goldenen Meisterbrief. Und voller Stolz führt sie vor, wie sie heute noch immer einen Faden in ein winziges Nadelöhr einfädeln kann. Die neu entdeckte Leidenschaft der Damenschneidermeisterin ist das Klöppeln. Diesbezüglich gibt sie sogar Lehrgänge, um das Wissen weiterzureichen. Sie freut sich über interessierte Nachfragen (Telefonnummer 034976 22271).
 

Kommentar schreiben
Name:
Ort:
Kommentar:
  Ja, ich habe die Hinweise zu Kommentaren auf unserer Website gelesen und akzeptiert.
Eingabeverifizierung: Schreiben Sie die untenstehende Ziffern- / Buchstabenkombination in das folgende Feld. Dadurch wollen wir dazu beitragen, unerwünschten E-Mails und automatischen Versendern keine Verbreitungsmöglichkeit zu bieten.
 
 
Corona-Pandemie: Ticker für Anhalt-Bitterfeld Corona-Pandemie: Ticker für Anhalt-Bitterfeld 24. November 2020, 15 Uhr - Landkreisinformationen: ...
Anzeige
MZ
Polizeireport vom 24. November 2020 für Anhalt-Bitterfeld Polizeireport vom 24. November 2020 für Anhalt-Bitterfeld Verkehrs– und Kriminalitätslage im Polizeirevier Anhalt-Bitterfeld vom 20. bis 24. November 2020 ...
Anzeige
Meine Frau - die Prinzessin Meine Frau - die Prinzessin Der Wochenspiegel ist auf der Suche nach dem Brautpaar des Jahres 2020 - die feierliche Kürung erfolgt am 16. Januar 2021 auf dem Hochzeitsgut...
Anzeige
Unser Land