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Thomas Schmidt Thomas Schmidt
aktualisiert am 27.09.2017 um 10:18:46

Komm wir malen eine Sonne

Die Sonnenlandschule in Wolfen ist echt cool. Redakteur Thomas Schmidt ist heute als Schmidtschüler in der Förderschule in Wolfen im Deutschunterricht unterwegs.
 
Wolfen (ts).
Auf dem Weg nach Wolfen dachte ich mir, was werden wohl die Kinder heute von mir denken? Immerhin bin ich wenigstens zwei Köpfe größer, trage Dreitagebart und einen Bauch. Doch was mich dann erwartet, ist echt cool. Vorher habe ich zu Hause vergeblich im Schrank meiner Tochter gesucht, ob ich noch ein paar Hefte und Schulbücher aus der Grundschulzeit finde. Natürlich vergeblich. Doch nun, ganz plötzlich stehe ich da, mittendrin im Klassenraum der U 1/2 der Sonnenlandschule Wolfen - der Förderschule mit Förderschwerpunkt geistige Entwicklung.
 
U 1/2, das sind sechs Jungs im Alter von 6 bis 8 Jahren. Sie heißen Rahul, Nils, Marlon, Kai, Jonas und Dominik. Zwei der Schüler sind erst seit sechs Wochen Schulkinder, die anderen waren schon an anderen Grundschulen. Der Schultag beginnt täglich mit einem gemeinsamen Frühstück, bevor um 7:45 Uhr der Unterricht anfängt.
 
Die Lehrerin Andrea Backsmann und die pädagogische Mitarbeiterin Ingrid Kummer empfangen mich genauso herzlich wie die gemischte erste und zweite Klasse.

"Das ist der Herr Schmidt vom Wochenspiegel und er wird mit uns heute gemeinsam den Deutschunterricht gestalten“ und „Wir sind ganz stolz darauf, dass Herr Schmidt den Leuten da draußen berichten möchte, was wir schon alles können und woran wir arbeiten“, freut sich die Klassenlehrerin Andrea Backsmann. Als erstes musternde und ernste Blicke von allen Kindern. Ich merke wie mir eine innerliche Wärme von unten nach oben Richtung Kopf schießt und ich glaube, einen kleinen Kloß im Hals zu spüren. Doch dann gibt es von allen ein entspanntes Lächeln. Ja, und ich atme erst mal tief durch. Dann bekomme ich von Andrea Backsmann einen Platz zugewiesen und setze mich so ziemlich erleichtert hin.

Doch dieser „Platzfreude“ wehrt nicht wirklich lange. Ingrid Kummer und Andrea Backsmann rufen voller Vorfreude und Tatendrang beschwingt zum Morgenkreis. Upps, was passiert denn jetzt. Singen, klatschen und nein, keinen Namen tanzen, sondern sportlich motivierend wird das Alphabet fröhlich eingesungen. Das finde ich fantastisch. Vielleicht sollte ich das ab morgen auch zur Begrüßung des neuen Tages praktizieren. Da können neben der chronischen Müdigkeit gleich noch die drei Kilo Übergewicht purzelnd mit eingesungen werden. 
 
Warum diese Rituale am Morgen? Die Gründe dafür liegen klar auf der Hand. Rituale wie ein Morgenkreis strukturieren den zeitlichen Ablauf und das räumliche Geschehen innerhalb der Gruppe. Zudem machen sie locker und erhöhen damit die Konzentration. Ich sitze neben Dominik, wir machen uns kurz bekannt.

Dominik ist acht Jahre und kommt aus Greppin und ich glaube, er akzeptiert mich trotz des Altersunterschiedes und meines anderen Aussehens sofort als gleichwertig. Dominik kennt wahrscheinlich den Begriff Inklusion nicht, aber er praktiziert ihn. Wir sind alle gleich und im Verband integriert. Jetzt widmet sich die U1/2 mit mir gemeinsam dem Alphabet. Das ABC wird zum einen in der Gebärdensprache anschaulich vermittelt und zum anderen neben dem Gebrauch von Händen und Körperteilen auch durch eindeutige Laute vermittelt. Als erstes ist das 'O' an der Reihe. Dazu wird der Mund spitz gemacht, der Zeigefinger kreist um den Mund herum und symbolisiert das 'oooo. Sofort schnellen die Finger nach oben. Der sechsjährige Nils ruft sofort laut in die Klasse 'Oma' und 'Opa'...

Auch Dominik hat seinen Finger noch oben und schon ist er an der Reihe. Sein Wort mit 'O' ist 'Ostern'. "Sehr gut gemacht Kinder", freut sich Andrea Backsmann über die rege Mitarbeit. Als nächster Buchstabe ist das 'M' dran. Dazu gehen Zeigefinger, Mittelfinger und Ringfinger auf den Mund und pressen dabei das 'mmm' heraus. Mein exemplarisches 'M' scheint für die Kinder ein sehr lustiges Unterfangen zu sein. Weil mein Mittelfinger schon die Nase berührt, sieht das wohl ganz zur Freude der Kinder eher wie ein Fliegengitter aus.

Trotzdem empfinde ich es nicht als auslachen, denn ich sehe, dass mich alle akzeptieren, so wie ich bin. Marlon schnippt mit dem Finger nach oben und muss seiner Freude lautstark Ausdruck verleihen. Er ruft laut 'Marlon'. Ja, Marlon fängt natürlich auch mit 'M' an. Der siebenjährige Rahul aus Wolfen findet da eher Gefallen an der Maus, denn die beginnt auch mit 'M'. Also – ´M` wie Maus. Dann bin ich an der Reihe. Oh Gott, damit habe ich gar nicht gerechnet. Wieder freut sich die ganze Klasse über meine Ratlosigkeit. Äh'm stottere ich, oh oh oh... da hilft mir mein Banknachbar Dominik aus der Patsche und flüstert mir zu: "Mond", puh Glück gehabt. 'MOND' rufe ich und liege da wirklich richtig. Wir haben allen richtigen Spaß und viel Freude. Alphabetisch durcheinander folgen dann noch Worte wie Ameise, Ampel, Igel, Insel, Pinguin, Müllauto und Nordpol.
 
Dann bekommt jeder von uns eine Tafel mit Symbolen und Magneten. Diese Übungstafel nennt sich 'Logico' und ist ein Lernsystem für Kinder bis zehn Jahre. Auf der 'Logico' soll man die Kieler Lautgebärden für die Buchstaben O, M, A, I und P mit den entsprechenden graphischen Zeichen der Laute verbinden. Dabei helfen die bunten Punkte auf der Tafel und runde Knöpfe in den gleichen Farben am unteren Tafelrand. Man muss die Buchstaben an die richtige Stelle der Tafel schieben. Diese Kombination bereitet allen Freude und man schult dabei gleich noch die Farbkenntnisse. In der Fachsprache nennt man das lernbereichsübergreifendes Arbeiten. Wenn alle zügig arbeiten, können sie im Anschluss die erlernten Laute noch schreiben üben. Und es los geht es. In meinem Kopf arbeitet es. Als erstes schieben wir eine Aufgabenkarte in den Rahmen. Jede Aufgabe ist mit einem Farbpunkt gekennzeichnet.

Unsere Aufgabe ist es also nun, den passenden Magnetknopf zur entsprechenden Lösung zu schieben. Dominik braucht in etwa 1 Minute, ich habe in der Zeit wieder mal zur Freude der anderen Mitschüler noch nicht mal den ersten farbigen Magneten gesetzt. Ich benötige Nachhilfe und – es ist einfach toll – keiner lacht mich aus. Frau Backsmann erklärt mir nochmal die Funktionsweise und eine Minute später habe auch ich alle Farbtmagnete platziert. Zur Kontrolle entnehmen wir die Karte, drehen sie um und schieben die selbige wieder in den Rahmen. Jetzt sollten alle Farben übereinstimmen, meine stimmen überein und auch Dominik hat alles richtig gemacht. Schließlich wechseln wir die Plätze. Dominik und ich ziehen einen Tisch weiter. Jetzt schreiben wir Buchstaben auf ein vorgedrucktes Arbeitspapier. Ein großes 'I' und ein kleines 'i' und so weiter. Ingrid Kummer und Andrea Backsmann stellen die 5-Minutenuhr und los geht's. Handschrift ist Trumpf und wartet zu Papier gebracht zu werden.

Fünf Minuten können wahnsinnig schnell um sein. Dann gibt es erneut einen Wechsel. Als nächste Station gibt es Bilder mit Symbolen und die müssen genau farblich eingegrenzt und zugeordnet werden. Als letztes schließen wir die Augen und fahren mit den Fingern tastend einen Buchstaben ab und müssen erraten, um welchen Buchstaben es sich handelt. Auch hier erweist sich Dominik als übermächtiger Mitschüler.
Zum Schluss der Stunde lerne ich auch noch Oskar kennen. Oskar ist ein Motivationsmaskottchen und zeigt seinen Daumen je nach Leistung zur Seite oder nach oben. Heute zeigt der Daumen bei allen nach oben. Ich nehme das als ein gutes Zeichen. Nur mein Daumen zeigt zur Seite. Das ist völlig in Ordnung, da werde ich wohl zu Hause noch etwas üben müssen. 
 
In der abschließenden Bewertungsphase, die beginnt, nachdem alle Stationen beendet und Oskar die Arbeiten eingeschätzt und mit einem Lob- Stempel belohnt hat (Prinzip der Motivierung), richten alle gemeinsam den Blick an die Tafel. Dort hängen neben den Fotos der Schüler die Daumenkarten, die nun von den Schülern selbst eingestellt werden dürfen. Dabei lernen die Kinder, sich selbst bzw. die Unterrichtsleistungen objektiv einzuschätzen und erhalten dabei noch einige Hinweise von den Pädagoginnen, die den Schülern helfen, den Daumen gerecht und angemessen einzustellen. Heute hat die Klasse gut gearbeitet, alle waren fleißig und zeigten (wie fast immer) ein angemessenes Arbeitsverhalten auf (d. h., die Lärmampel musste die Kinder nicht ermahnen, während des Stationsbetriebes ruhiger zu agieren). Daher können die Schüler alle Daumen nach oben stellen. Das freut sie natürlich sehr und lässt die Chancen steigen, am Ende der Woche das zweite Klassenmaskottchen, das „Kleine Ich“, mit nach Hause zu nehmen zu dürfen. Das ist eine Auszeichnung und zeigt den Kindern, dass alle schon richtig große Schulkinder geworden sind. 
Nach sechs Wochen in der Sonnenlandschule sind nun alle gut in den (neuen) Klassen angekommen und haben dabei schon eines gelernt: Lernen macht Spaß!
 
Fazit:
Die Schülerinnen und Schüler der Sonnenlandschule sind gemeinsam mit den Pädagogen und pädagogischen Mitarbeiter ein hochmotiviertes Team. Kinder werden dort abgeholt, wo sie stehen und keiner wird zurückgelassen. Die Sonnenlandschule mit dem Förderschwerpunkt „Geistige Entwicklung“ in Wolfen orientiert sich dabei am Lehrplan für den Förderschwerpunkt „geistige Entwicklung“ des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultur. Die Pädagogen verfolgen einen Bildungs- und Erziehungsauftrag bei den Schülern. Elemente des Unterrichts sind: Gegenwarts- und Zukunftsorientierung, Altersangemessenheit und Entwicklungsgemäßheit, Ganzheitlichkeit, Selbsttätigkeit, Hilfe zur Selbsthilfe, Handelndes Lernen, Übung und Anwendung, Rhythmisierung, Individualisierung und Differenzierung. Die Schule verfolgt als Leitziel die Selbstverwirklichung der Schüler in sozialer Integration.

Die Kinder und Jugendlichen in der Schule sind in der Regel zwischen 6 und 19 Jahren alt.  Es besteht eine 12-jährige Schulpflicht. Die Schulzeit untergliedert sich in vier Jahre Unterstufe, zwei Jahre Mittelstufe, drei Jahre Oberstufe und drei Jahre Werkstufe. Der Lehrplan der Werkstufe unterscheidet sich von dem der Unter- bis Oberstufe insofern, dass das Erlernen praktischer Tätigkeiten noch mehr im Fokus der Arbeit steht, als in den Jahren zuvor. Die Schüler lernen, sich auf ihr Berufsleben vorzubereiten, können während der Zeit in der Werkstufe auch Erfahrungen innerhalb von Praktika in der Werkstatt für Behinderte oder in der freien Wirtschaft erwerben.

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