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Ralf Penske Ralf Penske
aktualisiert am 02.01.2015 um 15:41:36

Wirtschaft braucht gute Fachkräfte

Seit 1990 wurden rund sechs Milliarden Euro am Chemiestandort Leuna investiert. Auf einer Flächen von 1 300 Hektar, das entspricht ca. 1 820 Fußballfeldern, arbeiten rund 9 000 Beschäftigte. Sie produzieren jährlich rund zwölf Millionen Tonnen Güter. Seit 1990 wurden rund sechs Milliarden Euro am Chemiestandort Leuna investiert. Auf einer Flächen von 1 300 Hektar, das entspricht ca. 1 820 Fußballfeldern, arbeiten rund 9 000 Beschäftigte. Sie produzieren jährlich rund zwölf Millionen Tonnen Güter.
Foto: InfraLeuna/Ralf Lehmann Galerie (1 Bild)
Der Wochenspiegel sprach zu Beginn des neuen Jahres mit Dr. Thomas Brockmeier, Hauptgeschäftsführer IHK Halle-Dessau, über die Situation in den Betrieben des Kammerbezirkes.

Wie wird sich der Mindestlohn in den Betrieben im Kammerbezirk auswirken? Ist mit einem Verlust von Arbeitsplätzen zu rechnen? Werden Investitionen dadurch verschoben? Drohen den Betrieben damit Gewinneinbrüche?
Dr. Thomas Brockmeier:
„Die Einführung des Mindestlohnes wird sich in einer ganzen Reihe von Betrieben im IHK-Bezirk negativ auf die Beschäftigung auswirken. Dies wird insbesondere in Betrieben des Gastgewerbes und des Verkehrsgewerbes sowie im Handel der Fall sein. Die uns von den Betrieben gemeldeten Beschäftigungsplanungen haben sich bereits im laufenden Jahr eingetrübt und sind derzeit so schlecht wie zuletzt während der Finanzkrise.
Mit einer spürbaren zunehmenden Arbeitslosigkeit rechnen wir spätestens im nächsten Konjunkturabschwung, ebenso mit einer deutlichen Zurückhaltung bei Investitionen in neue Arbeitsplätze. Insgesamt dürften wir wohl mit steigenden Preisen und sinkenden Gewinnen konfrontiert werden.“

Wird sich im Jahr 2015 im Kammerbezirk der IHK Halle-Dessau der viel beschworene Fachkräftemangel bemerkbar machen? Wenn ja, wie wollen die Unternehmen dagegen steuern? Setzen sie auf eigene Ausbildung? Gibt es Überlegungen, Fachkräfte aus dem Ausland zu holen? Welche Forderungen gibt es in diesem Zusammenhang  an die Politik?
Dr. Thomas Brockmeier:
„Das Problem des Fachkräftemangels hat viele Facetten und wird die Unternehmen auch 2015 weiter beschäftigen. Seit 2007 nimmt die Zahl der Unternehmen, die ihren Bedarf an Nachwuchs- und Fachkräften nicht decken können, stetig zu. Die Gründe dafür hängen maßgeblich mit dem demografischen Wandel zusammen: Der deutliche Rückgang der Geburtenrate nach der Wiedervereinigung macht sich massiv bemerkbar. So hat sich etwa die Zahl der Schulabgänger in Sachsen-Anhalt innerhalb weniger Jahre halbiert. Mithin stehen heute deutlich weniger junge Leute zur Verfügung, um die ausscheidenden Arbeitskräfte zu ersetzen. Frei werdende oder bereits freie Stellen können teilweise nicht besetzt werden; mitunter werden wegen dieser Schwierigkeiten Arbeitsplätze auch gar nicht erst geschaffen. Das beschränkt unser künftiges Wachstum.
Für die Unternehmen im Süden Sachsen-Anhalts ist die betriebliche Ausbildung ein wichtiges Instrument gegen den Fachkräftemangel. Allerdings beklagen die Unternehmen große Ausbildungshemmnisse. Am häufigsten wird laut IHK-Ausbildungsumfrage die oft mangelnde Ausbildungsreife benannt - hier stehen Gesellschaft und Familie in der Pflicht nachzubessern. Außerdem sind unklare Berufsvorstellungen der Jugendlichen und große regionale Entfernungen zur berufsbildenden Schule problematisch.“

Wie sieht die Situation im Ausbildungsmarkt aus? Vertrauen die Betriebe darauf, im kommenden Ausbildungsjahr ausreichend geeignete Bewerber für die Ausbildungsplätze zu finden?
Dr. Thomas Brockmeier:
„Darauf können - wie in meiner Antwort zu vorangegangenen Frage bereits angedeutet -  keineswegs alle Betriebe hoffen. Durch den demografischen Wandel steigt der Druck auf dem Ausbildungsmarkt. Zu-gleich drängen immer mehr junge Leute in die Hochschulen. Damit gleicht das System der dualen Berufsausbildung einer Kerze, die an beiden Enden brennt. Viele junge Menschen glauben, als Akademiker bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu haben. Doch dem ist nicht so. Wir müssen also die Chancen, die die duale Berufsausbildung bietet, noch stärker betonen. Denn wir brauchen zwar auch in Zukunft Akademiker, aber noch mehr Facharbeiter!“

Wie gestaltet sich das Innovations- und Gründerklima im Kammerbezirk? Gibt es dafür Beispiele?
Dr. Thomas Brockmeier:
„Innovationspotentiale ausschöpfen, neue Produkte und Verfahren entwickeln, Forschung vorantreiben: Das Innovationsklima wird im Jahr 2015 hoffentlich vor allem bei kleinen und mittelständischen Unternehmen Auftrieb bekommen, sofern einige neue Förderrichtlinien in Kraft treten und dann auch entsprechend greifen. Hier ist insbesondere zu denken an die Richtlinien über die Gewährung von Zuwendungen zur Förderung von Einzel-, Gemeinschafts- und Verbundprojekten im Bereich von Forschung, Entwicklung und Innovation sowie an die Richtlinie zur so genannten Innovationsassistentenförderung.
Zum Gründerklima bleibt zu sagen: Immer weniger Menschen wagen den Schritt in die Selbstständigkeit: 2013 wurden im Süden Sachsen-Anhalts insgesamt 5 439 Unternehmen neu gegründet, 450 weniger als ein Jahr zuvor. Das ist der vierte Rückgang in Folge. Zugleich wurden erneut mehr Gewerbe aufgegeben als gegründet. Das ist ein Alarmsignal: Wenn der Unternehmensbestand in der Region nachhaltig gesichert werden soll, dann benötigen wir attraktivere Rahmenbedingungen für Unternehmen. Dazu gehören beispielsweise tragbare Steuern und Abgaben, eine leistungsfähige Infrastruktur und so wenig Bürokratie wie möglich. Das allein genügt aber nicht. Mindestens genauso wichtig ist eine höhere gesamtgesellschaftliche Wertschätzung für Unternehmertum.“

Wie schätzt die Industrie- und Handelskammer das Investitionsklima im kommenden Jahr ein?
Dr. Thomas Brockmeier:
„Die vielfältigen politischen Initiativen der Bundespolitik seit der Wahl sind absolut nicht hilfreich, wenn es darum geht, den Investitionsstandort Deutschland bzw. das südliche Sachsen-Anhalt zu stärken. Neue Arbeitsmarktregulierungen wie der Mindestlohn oder die Rente mit 63 sowie unverändert hohe Belastungen wie die des EEG auf die Strompreise sorgen für Verunsicherung. So sehen jeweils die Hälfte der Unternehmen in den Energiekosten und den Arbeitskosten ein hohes Risiko für die wirtschaftliche Entwicklung ihres Unternehmens in den kommenden zwölf Monaten.“

Vollzieht sich bereits der Energiewandel im Kammerbezirk? Gibt es Unternehmen, die dabei eine besondere Vorreiterrolle einnehmen oder mit guten Ideen vertreten sind?
Dr. Thomas Brockmeier:
„Deutschlandweit befürchtet aktuell ein Drittel aller Unternehmen durch die Energiewende negative Auswirkungen auf ihre Wettbewerbsfähigkeit. Noch kritischer bewertet laut IHK-Energiewendebarometer die Industrie in Sachsen-Anhalt die Auswirkungen der Energiewende: Zwei von drei Industrieunternehmen sehen ihre Wettbewerbsfähigkeit bedroht, diese Bewertung liegt deutlich über dem Bundesdurchschnitt. Die Umfrageergebnisse sind ein Alarmsignal für die Politik! Ein `Weiter so!` in der deutschen Energiepolitik darf es deshalb nicht geben, sonst wird die internationale Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft endgültig aufs Spiel gesetzt! Auch das neue EEG als Kern der Energiewende bringt trotz Festlegung von Ausbaukorridoren für erneuerbare Energien und degressiver Zuschüsse keine Planungssicherheit für Unternehmen und auch keine spürbare Kostendämpfung. Sorgen bereitet zudem, dass noch immer keine überzeugenden Antworten vorliegen auf die Fragen nach Versorgungssicherheit, wenn der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint sowie nach Netzstabilität zu Zeiten, wenn Sonne und Wind gleichsam „im Übermaß“ vorhanden sind.
Weiter steigende Energiepreise und deutlich höhere Netzentgelte als in Westdeutschland setzen die Wirtschaft in Sachsen-Anhalt immer stärker unter Druck. Die Unternehmen sind gezwungen, die Kostensteigerung an ihre Kunden weiterzugeben. Es kommt nun darauf an, den gesamten Bereich der erneuerbarer Energien deutlich stärker dem Marktgeschehen auszusetzen, als dies - von wenigen Ausnahmen abgesehen - bisher der Fall ist. Wettbewerbsfähig wird man nicht durch Zuschüsse.“

Welche Erwartungen hat die Industrie- und Handelskammer für das Jahr 2015 in Bezug auf den Außenhandel? Sind neue Partner in Sicht? Wird das Außenhandelsvolumen eher sinken oder steigen?
Dr. Thomas Brockmeier:
„Außergewöhnliche Entwicklungen im Außenhandel sind für unsere Region nicht zu erwarten. Bei den Exporten und Importen gab es in den letzten drei Jahren relativ wenig Entwicklung;  die Ausfuhren 2014 dürften in etwa  dem Vorjahresniveau von knapp 15 Milliarden Euro entsprechen. Zwar gingen die Exporte nach Russland und die Ukraine aufgrund der politischen Handelsbeschränkungen zurück. Gemessen am Anteil der beiden Länder an den Gesamtausfuhren ist der Rückgang zwar relativ gering. Dies kann und darf aber nicht darüber hinweg täuschen, dass einzelne Unternehmen mit starken Verflechtungen nach Osteuropa bereits heute stark von den Auswirkungen der Ukraine-Krise betroffen sind. Jede weitere Verschärfung der Krise träfe sie umso empfindlicher.
Den Löwenanteil ihres Außenhandels wickeln die sachsen-anhaltischen Unternehmen mit Handelspartnern innerhalb der EU bzw. Europas ab. Rund 70 Prozent der exportierten Güter und Waren gehen in Länder der EU. Hier dürfte sich auf absehbare Zeit nicht viel ändern.

Wie wirkt sich die vorzeitige Rente in den Betrieben des Kammerbezirks aus? Birgt das vorzeitige Ausscheiden älterer Mitarbeiter auch neue Chancen?
Dr. Thomas Brockmeier
: „Eine Chance kann ich im vorzeitigen und überraschenden Ausscheiden erfahrener Mitarbeiter nicht wirklich erkennen. Ich will offen und deutlich sein: Grundsätzlich ist die Rente mit 63 ein völlig falsches Signal! Der demografische Wandel verlangt das genaue Gegenteil - nämlich ein längeres Arbeiten der immer älter werdenden Menschen.
 Jemand, der mit 63 in Rente geht, hat heute gute Chancen, seine Rentenzeit knapp 20 Jahre lang genießen zu können. Die Zeiten, in denen diese Spanne gerade einmal zehn Jahre oder sogar weniger betrug, liegen keine Ewigkeit zurück.
So erfreulich dies für die Menschen ist, so schwierig wird es ökonomisch, wenn nicht genügend junge Menschen nachkommen, um diese Rentenansprüche durch ihre Beiträge in Erwerbsarbeit erfüllen zu können.
Aktuell verschärft die Rente mit 63 zudem den Fachkräftemangel. Hinzu kommt, dass diese plötzliche politische Kehrtwende die Unternehmen unvorbereitet trifft; viele haben in den letzten Jahren durch nicht unerhebliche Anstrengungen die Beschäftigungsmöglichkeiten gerade für ältere Mitarbeiter verbessert. Nicht unerwähnt bleiben darf an dieser Stelle, dass die Politik selbst massiv dafür geworben hatte. Und jetzt das! Verlässliche und berechenbare Politik sieht anders aus.“

Vielen Dank für das Gespräch!
 

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