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Cord Gebert Cord Gebert
aktualisiert am 22.01.2016 um 13:08:10

Es ist ein schmaler Grat zwischen dick und krank - Der Kampf gegen die Pfunde

Weitreichende Aktivitäten lassen Sport zum Spaß werden. Halten sich die Patienten dann noch an den Ernährungsplan lässt der Erfolg nicht lange auf sich warten. Weitreichende Aktivitäten lassen Sport zum Spaß werden. Halten sich die Patienten dann noch an den Ernährungsplan lässt der Erfolg nicht lange auf sich warten.
Foto: Kinder-Reha-Klinik Galerie (3 Bilder) Galerie (3 Bilder) Galerie (3 Bilder)

„Der Erfolg steht und fällt mit der Motivation der Patienten.“Elisabeth Eckstein
Bad Kösen (cg).
Nach aktueller Datenlage sind über die Hälfte der Erwachsenen in Deutschland übergewichtig (BMI > 25 kg/m²). Von diesen ist jeder Vierte bis Fünfte adipös (BMI > 30 kg/m²) – Tendenz steigend. Auch bei Kindern und Jugendlichen lässt sich dieser Trend beobachten. Laut der letztverfügbaren Daten des Robert Koch-Instituts in Berlin waren 2007 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen im Alter zwischen 3 und 17 Jahren übergewichtig. Etwa sechs Prozent leiden unter Adipositas, wobei sich deren Anteil in der Gruppe der 14 bis 17-Jährigen sogar auf über acht Prozent erhöht.

In der Kinder-Reha-Klinik „Am Nicolausholz“ in Bad Kösen werden Kinder mit Adipositas behandelt.

Wochenspiegel sprach mit Chefärztin Dipl. med. Elisabeth Eckstein und zwei ihrer Patientinnen über das schwerwiegende Thema.

Wochenspiegel: Frau Eckstein, können Sie einen kurzen Einblick in die Krankheit und mögliche Folgen geben?
Eckstein: Übergewicht und Adipositas im Kindes- und Jugendalter ist eine chronische Erkrankung, die in den letzten Jahren kontinuierlich zugenommen hat. Als Hauptursachen sind Fehlernährung und ein körperlich inaktiver Lebensstil neben genetischen Faktoren zu nennen. Adipositas führt bereits im Kindes- und Jugendalter zu Folgeerkrankungen.

Das sind vor allem Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen, die Entwicklung eines Diabetes mellitus Typ 2 (Altersdiabetes) sowie die Fettleberkrankheit. Bei vielen Kindern und Jugendlichen bestehen darüber hinaus orthopädische Probleme. Adipositas und die daraus resultierenden Folgeerkrankungen führen zu einer Einschränkung der körperlichen Leistungsfähigkeit und häufig auch zu psychosozialen Einschränkungen und deutlich verminderter Lebensqualität.


Wochenspiegel: Wo setzt das Klinikteam die Ziele der Behandlung?
Eckstein: Das Ziel einer stationären Rehabilitationsmaßnahme bei Kindern und Jugendlichen mit Adipositas ist neben der Reduktion des Körpergewichtes vor allem die langfristige Umstellung des bisherigen Ess-, Ernährungs- und Bewegungsverhaltens sowie eine Steigerung des Körperbewusstseins und Selbstwertgefühls.

Um unsere Patienten bei der Umsetzung der Therapieziele zu unterstützen, arbeitet in der Kinder-Reha-Klinik „Am Nicolausholz“ ein multidisziplinäres Team von Ärzten, Kinderkrankenschwestern, Pädagogen, Diätassistenten, Krankengymnasten und Sportpädagogen, Psychologen und eine Sozialpädagogin zusammen.


Das Therapiekonzept der Klinik umfasst neben Ernährungs- und Bewegungstherapie ein umfassendes Schulungsprogramm für Patienten sowie begleitende Eltern, erklärt die Chefärztin im Gespräch.
Im Rahmen des Schulungsprogrammes wird außerdem über medizinische Grundlagen wie Ursachen und Folgeerkrankungen der Adipositas informiert. Grundlagen einer gesunden Ernährung werden vermittelt und im Rahmen von praktischen Einheiten, wie Lehrküchen, eingeübt.

Medienkonsum
Ursachen gibt es viele, eine besonders verheerende ist allerdings ein Mangel an Bewegung. „Viele Kinder sitzen Wochentags 6 bis 8 Stunden vor Fernseher und Computer. Am Wochenende erhöht sich diese Zeit sogar. Wer lieber mit den Freunden ‚chattet‘ statt sich zum Fußball spielen zu treffen nimmt eben unweigerlich zu,“ weis Elisabeth Eckstein.

Weitreichendere, individuelle psychologische Faktoren und psychosoziale Ursachen des Übergewichtes werden analysiert und ggf. individuelle therapeutische Maßnahmen eingeleitet. Sportpädagogische und motopädische Einheiten dienen der Motivation zur Bewegung und zur verstärkten körperlichen Aktivität im Alltag. Körperwahrnehmung und Körperbewusstsein sollen gesteigert und eine Steigerung des Selbstwertgefühls erzielt werden.

Wochenspiegel: Wie viele Kinder werden jährlich in der Klinik behandelt?
Eckstein: Zurzeit werden 96 Patienten unterschiedlichster Indikationen (u. a. Atemwegserkrankungen, Hauterkrankungen, Rheuma, Diabetes) behandelt, darunter 30 aufgrund einer Adipositas.
2015 wurden ca. 300 Kinder und Jugendliche aufgrund einer Adipositas im Rahmen einer stationären Rehabilitationsmaßnahme von 4 bis 6 Wochen behandelt. Kinder bis zum vollendeten 8. Lebensjahr werden grundsätzlich mit einem Elternteil als Begleitperson bei uns aufgenommen.


Wochenspiegel: Gibt es Rückmeldungen von Eltern oder Kindern die nach der Reha ihr reduziertes Gewicht dauerhaft gehalten oder weiter verringert haben?
Eckstein: Einmal jährlich organisieren die Mitarbeiter des Adipositasteams der Kinder-Reha-Klinik ein Treffen ehemaliger adipöser Patienten in der Klinik. Hierbei bekommen wir ein Feedback welches unter den Teilnehmern meist positiv ist. Allerdings glaube ich, dass sich auch gerade diejenigen welche keinen Erfolg haben, gar nicht zum Treffen anmelden.

Gezwungen sich gesund zu ernähren wird in der Klinik niemand. „Wir geben den Kindern während ihres Aufenthalts Ernährungstipps und eine tägliche Ernährungspyramide für den Idealkonsum von Lebensmitteln. Die Patienten können sich am Kiosk oder im Supermarkt alles kaufen, sollen aber lernen auch 'ungünstige' Lebensmittel in Ihren Ernährungsplan einzubauen. Das wird von manchen Eltern kritisiert, ist aber die realitätsnahe Umsetzung unserer Ziele.
Denn wer selbst hier nicht schafft seine Ernährungsgewohnheiten umzustellen, wird auch Zuhause Probleme haben sein Übergewicht zu reduzieren. Der Erfolg unserer Einrichtung steht und fällt mit der Motivation der Patienten,“ sagt die Chefärztin abschließend.

Aus dem Leben
Leny (im Bild) ist 14 Jahre alt und wiegt 68,5 Kg. Marie ist 13 und wiegt 73,6 Kg. Beide sind  seit 7. Januar in der Kinder-Reha und wollen fünf Kilo abnehmen. Nach einer Woche freuen sich beide über den tollen Erfolg von 1,2 kg (Leny) und 1,4 kg (Marie) Gewichtsreduktion.

Wochenspiegel: Warum habt ihr euch für die Betreuung in Bad Kösen entschieden?
Leny: Ich habe Zuhause schon verschiedene Diäten versucht. Das verlorene Gewicht kam allerdings in Kürze mit Verstärkung zurück. Jetzt will ich lernen, wie es richtig geht. Marie hat die gleichen Gründe.

Wochenspiegel: Was war euer schlimmstes Erlebnis durch das Gewicht?
Leny: Ich wurde mit Ausdrücken gemobbt, die ich nicht nennen möchte. Meist in der Schule, aber auch in der Stadt von völlig Fremden, die mich als Mensch gar nicht kannten. Ich bin im Sommer nicht mehr baden gegangen und mit meinen Freundinnen shoppen gehen habe ich auch aufgegeben, als mir keine Sachen mehr gepasst haben.
Marie: Die meisten Sprüche habe ich nicht als Mobbing empfunden, aber Ausdrücke wie „dickes Walross“, „kuller weg“ oder „kauf dir mal Sachen, die dir passen“ verletzten einen innerlich doch.

Wochenspiegel: Wie fühlt ihr euch mit den Fortschritten die ihr hier bisher gemacht habt?
Leny/Marie: Hauptsächlich motiviert. Motiviert weiter zu machen und einen geregelten Essablauf bei zuhalten. Es ist ein tolles Gefühl durch Disziplin etwas zu schaffen.

Wochenspiegel: Wie findet ihr die Reha in Bad Kösen?
Leny/Marie: Wir haben hier schon viel gelernt und es ist ein gutes Gefühl sich nicht verstecken zu müssen weil alle das gleiche Problem haben und wissen wie man sich selbst fühlt. Außerdem kann man sich neben dem festen Reha-Programm, freiwillig für Sport oder andere Aktivitäten eintragen. Die Freiheiten die einem hier bleiben sind realitätsnah.

Wochenspiegel: Vielen Dank für das Gespräch!


 


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