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Wolf-Eike Mardas Wolf-Eike Mardas
aktualisiert am 02.06.2017 um 14:43:24

Eierbetteln und Kleinpfingsten

Bert Bog, Hauptkassierer, Thomas Schulze, Vereinsvorsitzender, Ortsbürgermeister Bernd Ringmayer und Gerald Büchner, Öffentlichkeitsarbeit. Bert Bog, Hauptkassierer, Thomas Schulze, Vereinsvorsitzender, Ortsbürgermeister Bernd Ringmayer und Gerald Büchner, Öffentlichkeitsarbeit.
Foto: W.-E. Mardas
Burgenlandkreis (wm). Wo­­chenspiegel ist auf Spurensuche. Wir wollen etwas über einen ganz besonderen Brauch in der Region Thüringen, südliches Sachsen-Anhalt herausfinden - das Eierbetteln. Dazu haben wir uns mit dem Vorstand des Leißlinger Eierbetteln e.V. verabredet.

„Genau kann es nicht mehr festgestellt werden. Die Vermutungen reichen aber bis zum Dreißigjährigen Krieg (1618 bis 1648) zurück. Es tobte der Krieg und es herrschte große Armut. Die Felder, Höfe und Dörfer der Bauern wurden ausgeplündert und völlig zerstört. Es wüteten Seuchen im Lande, denen zahlreiche Menschen zum Opfer fielen. Die abergläubigen Menschen be­­­schwo­­ren die guten Geister, die alle Not abwenden sollten. Die Bauern zogen mit einer angeputzten Strohpuppe durch das Dorf zur Saale, um sie dort zu versenken. Man hoffte so von den bösen Kräften ‚gereinigt‘ zu sein. Manchmal wurden die Strohpuppen auch im Freudenfeuer verbrannt. Erste Berichte über solche Bräuche, auch als Todesaustreiben bezeichnet, gibt es sogar schon aus dem Jahre 1318", so Gerald Büchner. Eine weitere Überlieferung sagt, dass die Strohpuppe den Judas, der verbrannt werden soll, darstellt.
Apostel, der Jesus verraten hat und ihn so dem Kreuzestod auslieferte.

Dieser uralte Frühlingsbrauch soll noch möglichst an viele Generationen weiter gegeben werden. Dafür setzen sich die Leißlinger Eierbettler ein - aber auch die der anderen Orte, in denen auch nach Eiern gebettelt wird, so zum Beispiel in Markwerben, die ebenfalls zu Kleinpfingsten ihre Veranstaltung durchführen.

Noch heute gilt der Strohbär als Symbol des Leißlinger Eierbettelns, auch wenn seine damalige Bedeutung heute nicht mehr im Vordergrund des Volksfestes steht. Was macht das Leißlinger Eierbetteln nun aber zu einer Besonderheit?

„Der Vorstand", so Thomas Schulze, „ist nur für den rechtlichen Rahmen verantwortlich. Den gesamten Rest übernehmen die Gruppen selbst. Sie haben eine Stärke bis zu 25 Personen - und kommen nicht nur aus Leißling. Wir haben gegenwärtig 280 Mitglieder im Verein, den es in dieser Form seit 1991 gibt. Hier in Leißling sind oft nahezu alle Hoftore geschlossen, was seine Bewandnis hat. Es ist das größte Geheimnis, was sich die Gruppen ausgedacht haben. Monatelang wird an Fahrzeugen, Kostümen oder den Tragelementen gebastelt. Nicht einmal die Nachbarn sollen erfahren, was zum Eierbetteln auf die Straßen kommt. Auch wir wissen es nicht, kennen auch nicht die Bühnenprogramme."

Eine besondere Rolle spielt der Strohbär. Wer steckt unter dieser schweißtreibenden Maskerade, der von dem Bärenführer an der Leine durch das Dorf geführt wird?

„Das ist nahezu ein ‚Staatsgeheimnis‘", lacht Gerald Büchner, „das macht seit Jahren Familie Klaus Müller. Erst zum Festumzug am Abend wird das Geheimnis gelüftet. Es gibt sogar eine Warteliste, weil so viele einmal als Strohbär gehen möchten."

Was ist nun aber mit dem Eierbetteln?

Theo Pohle, der vor wenigen Jahren verstorben ist, ein Musikant mit Herz und Seele war, der Verfasser des Heimatliedes und Ehrenbürger von Leißling, hat die Geschichte aufgeschrieben: „Über die Jahrhunderte hinweg haben sich Inhalt und Zeitpunkt stark verändert. Überliefert ist aber die Symbolik, wie die Birke und das Ei als Frühlingsboten, der Strohbär und die Maskenals die bösen Geister (Winter), das Pritschen- oder Schweinsblasenschlagen zum Vertreiben böser dämonischer Geister und schließlich der Heischegang von Haus zu Haus."

Das passiert am Samstag. Den ganzen Tag werden mit Blasmusik die Maien (Birken) im Ort verteilt. Am Kleinpfingstsonntag ist 6 Uhr wecken mit den Blasmusikanten und den Austrommlern. Schon 8 Uhr beginnt das Kindereierbetteln, das mit dem Umzug endet.

14 Uhr steht dann das Dorf Kopf. Selbst einige Männer wissen nicht, in welchem Kostüm sie ihre Frauen wieder sehen - oder sogar gar nicht erkennen. Hunderte, ja über Tausend Besucher lassen sich am Nachmittag das Spektakel nicht entgehen. Es wird getanzt, gefeiert, gelacht, gegessen, getrunken - hier regiert die Fröhlichkeit. Auf den Bühnen beginnen die verrücktesten Programme und die Gruppen ziehen zu Fuß oder mit ihren kuriosen Festwagen durch die Straßen.

Was passiert denn eigentlich mit den gesammelten Eiern, den Würsten, Speck und Eierlilör sowie Schnaps? Ein gaaaanz breites Grinsen geht über die Gesichter des Vorstandes: „Am Samstag, dem 17. Juni, wird es den Schmaus geben. In der Thüringer Pforte werden rund 500 Eier in die Panne gehauen und alle Vereinsmitglieder genießen das Essen und haben einen wunderschönen Abend."

Thomas Schulze bringt es auf den Punkt: „Das Ei ist das Viagra der Eierbettler".

Übrigens ist der Ort am Sonntag für den Verkehr gesperrt. Der Parkplatz des Einkaufs- und Kulturcenters „Schöne Aussicht" kann genutzt werden. Von hier fährt ein Buspendel ständig in das Saaletal zum Veranstaltungsort.

Als welche Figuren werden wir denn eigentlich die Vorstandsmitglieder beim Fest sehen? Plötzlich verstummen die sonst so redseligen Männer. Die Geheimnisse werden eben nicht verraten... Sehen wir uns also am 11. Juni ab 14 Uhr das Spektakel einfach an und lassen uns von Musik, Spaß, Tanz und guter Laune verzaubern.

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