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Wochenspiegel > Zeitz > 500 Jahre Reformation - katholischer und evangelischer Pfarrer im Interview >
Cord Gebert Cord Gebert
aktualisiert am 01.11.2017 um 11:52:54

500 Jahre Reformation - katholischer und evangelischer Pfarrer im Interview

Der katholische Pfarrer Thomas Friedrich (li.) und der evangelische Pfarrer Werner Köppen pflanzten im März gemeinsam den Lutherbaum im Zeitzer Schlosspark.  Der katholische Pfarrer Thomas Friedrich (li.) und der evangelische Pfarrer Werner Köppen pflanzten im März gemeinsam den Lutherbaum im Zeitzer Schlosspark.
Foto: M. Herrmann
Die Reformation veränderte Deutschland, Europa und die Welt.
BLK (mh).
Am 31. Oktober jährte sich zum 500. Mal die Veröffentlichung der 95 Thesen durch Martin Luther. Während in früheren Jahrhunderten Reformationsjubiläen in konfessioneller Abgrenzung begangen wurden, ist das diesjährige Reformationsjubiläum von Offenheit, Freiheit und Ökumene ge-prägt. Wochenspiegel hat dazu den katholischen und den evangelischen Pfarrer aus Zeitz zu Wort kommen lassen.

Wochenspiegel: 1517 kam es durch Martin Luther zur Spaltung der Kirche. Warum sehnten sich viele Bürger nach einer Veränderung?
Pfarrer Friedrich:  Zunächst muss man wohl sagen, dass es 1517 durch Martin Luther zum „Thesenanschlag“ kam. In dessen Folge die evangelische Kirche hervorgegangen ist und wir heute von Reformation sprechen.  Es ging Martin Luther nicht darum, eine neue Kirche zu gründen, sondern auf Missstände und Fehlentwicklungen hinzuweisen. Die Reformation hat dann aus meiner Sicht eine gewisse Eigendynamik entwickelt, der sich die Leute angeschlossen haben. Aber ich glaube nicht, dass die Sehnsucht nach Reformation der Auslöser dafür war.
Pfarrer Köppen: Martin Luther hatte mit seinen Thesen und seinem Wirken ursprünglich gar nicht die Spaltung der Kirche im Sinn. Er war vielmehr der Meinung, Papst und Kardinäle davon überzeugen zu können, dass sie ihr Handeln korrigieren müssten. Denn die Missstände der Kirche lagen offen auf der Hand: Die Käuflichkeit und Prunksucht der Päpste, Kardinäle und Bischöfe stand im krassen Widerspruch zum Elend des größten Teils der Bevölkerung. Luther gab den einfachen Menschen, die meisten konnten weder lesen noch schreiben, eine Stimme und gab ihnen Hoffnung auf kirchliche, gesellschaftliche und soziale Veränderungen.

Wochenspiegel: Was finden Sie an Ihrer Konfession gut, was lehnen Sie an der anderen ab?
Pfarrer Friedrich: Auch wenn die Kritik der Reformation sich auch am Papstamt entzündet, so empfinde ich dieses als ein großes Geschenk für die Katholische Kirche. Denn in ihm ist die Einheit und die Lehre der Kirche symbolisiert. Wenn der Papst spricht, dann ist es verbindlich, wenn auch nicht jeder damit einverstanden sein mag. Das vermisse ich im Hinblick auf das  Gespräch mit den anderen Konfessionen und auch Religionen. Da gibt es keinen, der verbindlich für alle spricht.
Pfarrer Köppen: Für evangelische Christen steht der gnädige Gott im Mittelpunkt. Der Mensch wird nicht durch gute Werke gerecht, sondern zu allererst durch die Gnade Gottes und den Glauben an Jesus Christus. Diese evangelische Überzeugung befreit den Menschen vom Druck, selbst durch gute Werke gerecht zu werden. Die katholische Kirche ist bis heute sehr hierarchisch gegliedert, die evangelische Kirche ist eher eine Basisbewegung. Papst Franziskus bekommt mit seinen Überzeugungen auch viele Sympathien von evangelische Seite, dennoch können viele Protestanten die Rolle und das Selbstbild des Papstes schwer nachvollziehen. Die Heiligen- und Marienverehrung, die innerhalb der katholischen Kirche sehr unterschiedlich ausgeprägt ist, hat mit der evangelischen Überzeugung wenig gemeinsam.


Wochenspiegel: Wie lebten vor 500 Jahren die beiden Konfessionen miteinander? Was hat sich heute geändert?
Pfarrer Friedrich:  Da das, was wir heute Reformation nennen, erst vor 500 Jahren begann, gab es in den Anfängen auch keine Konfessionen. Diese haben sich erst im Laufe der Zeit entwickelt.
Und da in der Folge der Reformation dann das Prinzip Cuius regio, eius religio (lateinisch für wessen Gebiet, dessen Religion) galt, gab es, was Deutschland betrifft, eben Gebiete in denen man evangelisch bzw. katholisch war. Das bestimmte der Landesherr. Die andere Konfession war dann höchstens geduldet. Was Sachsen-Anhalt  betrifft, gab es erste katholische Gemeinden erst zu Beginn der 19. Jahrhunderts durch den Zuzug katholischer Soldaten, später durch sogenannte schlesische Schnitter und ab Mitte des 19. Jhdt. durch Arbeiter aus katholischen Gebieten, die hier Arbeit suchten und fanden. Aber auch da gab es eher ein nebeneinander, wenn nicht sogar ein gegeneinander. Von einem Miteinander der Konfessionen kann man aus meiner Sicht erst nach dem 2. Weltkrieg sprechen, als es durch Flucht und Vertreibung einen großen Zustrom von Katholiken nach Mitteldeutschland gab. Hier finden sich, so meine ich, die Anfänge für das, was wir heute Ökumene nennen. Denn die Katholiken waren in vielen evangelischen Kirchen zu Gast, um dort Gottesdienst zu feiern. Mit dem 2. Vatikanischen Konzil wurde, wenn man das so verkürzt sagen darf, dann die Ökumene als ein wichtiges Ziel formuliert. In der Folge gab und gibt es Gespräche zwischen den Kirchenleitungen, den Austausch zwischen den Pfarrern vor Ort, sind ökumenische Gottesdienste eine Selbstverständlichkeit geworden und arbeiten die Kirchen und Gemeinden bei verschiedenen Projekten zusammen.
Pfarrer Köppen: Vor 500 Jahren stand der evangelische Glaube noch ganz am Anfang. Erstmals wurde auf dem Augsburger Reichstag von 1530, also 13 Jahre nach dem Thesenanschlag, überhaupt ein protestantisches Bekenntnis, das „Augsburger Bekenntnis“ formuliert.  Das Verhältnis der beiden Konfessionen zueinander erlebte in der frühen Geschichte viele dunkle Zeiten, zu denen beispielsweise der 30-jährige Krieg gehört. Später gab es zahlreiche Bemühungen, die Konfessionen näher zusammenzubringen oder gar zu einen. Heute setzen sich auf der ganzen Welt Menschen für Zusammenhalt der Konfessionen ein. Ganz praktisch wird das konfessionsübergreifende Miteinander auch in Zeitz gelebt, wo sich einmal im Monat der ökumenische Arbeitskreis trifft. Zu ihm gehören Pfarrer und Pastoren aller christlichen Kirchen in Zeitz.


Wochenspiegel: Viele Katholiken und Protestanten leben als Christen gemeinsam ihre Religion. Könnte durch diese Ökumene die Kirche wieder vereint werden?
Pfarrer Friedrich: Es wird immer wieder betont, dass evangelische und katholische Christen mehr vereint als trennt. Und auch wenn mancher sagt, dass man doch einfach beide Kirchen – auch aufgrund der gesellschaftlichen Situation – „vereinen“ sollte, wird dies wohl noch auf  sich warten lassen. Denn aufgrund der verschiedenen Traditionen und mancher verschiedener theologischer Entwicklungen, die sich im Laufe der Jahrhunderte herausgebildet haben, wird es schwierig sein, dies einfach zu überwinden. Die „eine“ Kirche wird noch auf sich warten lassen, auch wenn sie ein vorrangiges Ziel bleiben muss. Wichtig ist, im Gespräch und Austausch zu bleiben.
Pfarrer Köppen: Damit Ökumene funktionieren kann, sollte man sich zuerst seiner eigenen Glaubensgrundlagen bewusst sein. Danach kann man Gemeinsamkeiten und auch Unterschiede ansprechen, ohne dass sie zu etwas Trennendem werden. Es sollte keine Einheit um jeden Preis geben. Der christliche Glaube ist vielfältig und Menschen finden auf unterschiedlichen Wegen zu Gott.


Wochenspiegel: Zu vielen Terminen sind Sie beide eingeladen und geben nebeneinander ihren Segen. Welche Gefühle tragen Sie dabei in sich?
Pfarrer Friedrich:  Es hat sich in den vergangenen Jahrzehnten entwickelt, bei bestimmten gesellschaftlichen Ereignissen beide Konfessionen für einen Gottesdienst oder eine Segnung anzufragen und einzuladen. Und so treten die Pfarrer dann  gemeinsam (ökumenisch) auf. Ich möchte aber nicht davon sprechen, dass wir „nebeneinander“ den Segen geben, sondern gemeinsam. Ich verstehe uns, auch wenn wir unterschiedlichen Konfessionen angehören, schon als Einheit.   
Pfarrer Köppen: Die Zusammenarbeit mit Thomas Friedrich und den anderen christlichen Kirchen in Zeitz ist respektvoll und wertschätzend. Wir freuen uns, wenn wir gemeinsam für den christlichen Glauben werben und ihn in die Öffentlichkeit tragen können.
 
Wochenspiegel: Sehen Sie in naher Zukunft eine Veränderung in Form einer kleinen Reformation in der Kirche?
Pfarrer Friedrich: Das Wort „Reformation“ würde ich hier nicht verwenden wollen. Im weitesten Sinn bedeutete das 2. Vatikanische Konzil in den 60er-Jahren des vorigen Jahrhunderts für die katholische Kirche eine Reformation. Viele Weichen wurden damals für die katholische Kirche neugestellt.
Ansonsten gilt der Grundsatz „ecclesia semper reformanda“, die Kirche ist immer zu erneuern. Ich denke, dies geschieht ohne große Reformation, sondern in dem sich die Kirche immer wieder den Herausforderungen der Zeit stellt und darauf zu reagieren sucht, ohne gleich jedem Modetrend oder jeder neuen Denkrichtung nachzugeben, sondern versucht, dies auf der Grundlage des Evangeliums und der kirchlichen Tradition zu bedenken.

Pfarrer Köppen: Die beiden großen Kirchen in Deutschland haben jeweils ca. 25 Millionen Mitglieder. Wie alle großen Organisationen sinkt die Zahl ihrer Mitglieder seit Jahren. Viele Menschen wollen sich nicht mehr festlegen oder haben Angst vor eingefahrenen Strukturen. Die Kirche, aber auch jeder Christ, sollte sich immer wieder neu ihrer Grundlagen des Glaubens vergewissern. In unserer Landeskirche gibt es seit zwei Jahren eine Reihe neuer Projekte, die jenseits fester Strukturen das Evangelium zu den Menschen bringen wollen. Es sind solche Initiativen, wie die der „Erprobungsräume“, die dazu beitragen, dass wir uns als Kirche ständig erneuern und reformieren.

Wochenspiegel: Was wünschen Sie der Kirche für die Zukunft?
Pfarrer Friedrich: Ich wünsche der Kirche Menschen, die ihr Leben aus dem Glauben heraus gestalten. Ich wünsche der Kirche Menschen, die nicht nur Mitglied der Kirche sind, sondern sich aktiv in ihrer Kirche, in ihrer Pfarrei einbringen und mittun. Ich wünsche der Kirche Menschen, die sich aus ihrem Glauben heraus in unsere Gesellschaft – auf die unterschiedlichste Weise – einbringen und sie mit zu gestalten versuchen.
Pfarrer Köppen: Mein Wunsch ist es, dass wir eine starke Stimme in der Gesellschaft bleiben. Wir wollen uns einsetzen für die Menschen, die am Rand stehen, die auf der Flucht sind, die benachteiligt werden. Ich wünsche mir außerdem eine Kirche, die sich nicht vom Zeitgeist treiben lässt, sondern sich klar auf das Fundament des Glaubens stützt. Für die Menschen unserer Region, die häufig keinen Bezug mehr zur Kirche haben, wünsche ich mir, dass sie vorurteilsfrei, offen und neugierig auf uns zugehen.

Wochenspiegel: Hat die Kirche Angst nach den vielen Reformationsfeiern von der Bildfläche der Öffentlichkeit zu verschwinden?
Pfarrer Friedrich: Im Fokus der Reformationsfeiern stand ja zunächst die evangelische Kirche als die Kirche der Reformation. Von daher sehe ich für die katholische Kirche in Deutschland bzw. auch für unser Bistum keinen Bruch. Wir werden auch als Kirche weiter in der Öffentlichkeit vorkommen. Als zwei Punkte, die  herausragen, möchte ich den Katholikentag in Münster und die Wiedergründung des Klosters in Neuzelle nennen. Auch wenn der Anteil der Christen an der Gesamtbevölkerung abnimmt, so bin ich überzeugt, dass wir noch lange als Kirche(n) eine Stimme in der Gesellschaft haben. Wir als katholische Pfarrei Zeitz werden im kommenden Jahr der Gründung des Bistums Zeitz vor 1050 Jahren gedenken und dass wir dann seit 20 Jahren  im wiederaufgebauten und renovierten Dom zu Hause sind.
Pfarrer Köppen: Ich würde nicht sagen, dass wir hier in Zeitz in ein Loch fallen werden. Denn wir haben nicht über unsere Kräfte gearbeitet und werden auch im nächsten Jahr viele neue Veranstaltungen anbieten. In diesem Jahr drehte sich fast alles um Luther und die Reformation, 2018 wird es thematisch wieder vielfältiger werden.
Der Gottesdienst mit Margot Käßmann am 22. Januar war ein besonders Fest, dass nicht gleich wiederkommt. Wir wollen aber die guten Erfahrungen nutzen und in den nächsten Jahren wieder einen Gottesdienst zum Andenken an das Reformationserbe von Zeitz feiern. Im Juni 2018 wird es einen regionalen Kirchentag in Langendorf/Elsteraue geben. Außerdem freuen wir uns auf den frischen Wind, den der neue Kantor oder die neue Kantorin für ihre Arbeit in der Kirchenmusik mitbringen wird.   


Wochenspiegel: Vielen Dank für das Interview!



 

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