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Torsten Waschinski Torsten Waschinski
aktualisiert am 09.01.2017 um 17:10:18

Reporter als Stallbursche: Ein Tag unter Pferden

Die Vorkehrungen zur Bewegungstherapie an der Longe mit Campus bedürfen einer sorgfältigen Vorbereitung. Die Vorkehrungen zur Bewegungstherapie an der Longe mit Campus bedürfen einer sorgfältigen Vorbereitung.
Foto: Jannette Friedrich Galerie (7 Bilder) Galerie (7 Bilder) Galerie (7 Bilder) Galerie (7 Bilder) Galerie (7 Bilder) Galerie (7 Bilder) Galerie (7 Bilder)
Diesmal im Landgestüt in Prussendorf - Ein idyllisches Kleinod, welches bedroht ist - ein Praxisbericht von Thomas Schmidt vom Wochenspiegel:

Prussendorf (ts)
. Ein Sprichwort besagt: „Das Glück der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde.“ Ob das Pferd, auf dessen Rücken ich gelegen habe, glücklich war, da bin ich mir nicht so sicher, doch der Reihe nach. Ein Tag Praktikum als ‚Stallbursche‘ in einem Pferdestall soll einen Einblick in die sensible Tierwelt geben. Das Landgestüt Sachsen-Anhalt ist bei Pferdefreunden, Pferdeliebhabern und Pferdezüchtern gleichermaßen beliebt.

Doch wie sieht er aus, der Alltag in einem Pferdestall als Pferdewirt*In? Als Erstes bekam ich die Order von Jeanette Friedrich, mich pünktlich 6.30 Uhr vor dem Pferdestall einzufinden. Für einen Langschläfer durchaus ein Problem. Nach drei Tassen Kaffee fühlte ich mich fit für einen Tag mit den Zuchthengsten, Wallachen und Stuten im Landgestüt Sachsen-Anhalt.

Dann standen wir vor dem Stall, ausnahmsweise wegen mir, und daneben neun Auszubildende im Ausbildungsberuf Pferdewirt*In. Diese freuten sich schon sehr auf den gemeinsamen Praxistag mit mir, warum, das war mir dann später auch klar. Die kurze morgendliche An- und Einweisung lautete, Pferde füttern und mit Wasser versorgen, Pferde putzen und Hufpflege, einige von ihnen auf die Weide bringen, andere satteln und bearbeiten (bewegen und trainieren), Boxen ausmisten (auch abäppeln genannt), Sattelzeug reinigen und pflegen, Pferde longieren und ins Karussell verbringen, Stall fegen und am Abend die Pferde abdecken.

Im ersten Augenblick wurde ich blass, mit dieser Arbeitsintensität habe ich nicht gerechnet. Doch gesagt ist gesagt. Zuerst bekomme ich von Swantje Peters eine Schubkarre mit einer Mistgabel in die Hand gedrückt. Swantje absolviert im dritten Ausbildungsjahr den Beruf Pferdewirtin. Das Pferd, der Wallach Campus, mustert mich argwöhnisch und ich versuche dabei, die Kontrolle zu behalten.

Zugegebenermaßen war mir etwas mulmig zumute. Doch Arbeit schadet nicht, daher frisch ausgemistet. Ganz schnell merke ich, dass das ziemlich anstrengend ist. Danach wird erst mal frisches Stroh eingestreut, auch ein Pferd möchte sich wohlfühlen.

Dann wird die Raufe mit Heu versehen und der Stall einige Minuten durchgelüftet. Nun nehme ich die Mistkarre und bin erst einmal beeindruckt, was auf so eine Karre alles draufpasst. Gleich darauf steuere ich den extra dafür angelegten Ablegeplatz an. Swantje lächelt gemütlich und hat sichtlich Freude daran, wie ich mich mit der Mistkarre ungeschickt durchs Gelände bewege.
 
Dann die erste Erlösung, 08.30 Uhr - Frühstück. Während des Frühstücks wird natürlich gleich noch der restliche Tag besprochen. Gegen 9 Uhr geht es dann weiter und ich bin schon ganz schön ins Schwitzen gekommen. Ausbilderin Jeanette Friedrich erklärt mir, dass das Auskratzen und das Kontrollieren der Hufen beim Pferd sehr wichtig sind, getreu dem Motto: "Ohne Huf kein Pferd".

Swantje zeigt es mir und vorsichtig hebe ich den rechten Vorderhuf von Campus an. Als Werkzeug dient mir ein Hufkratzer. Dabei wird mir erklärt, dass man die Hufen nicht mit dem Metallteil des Hufkratzers bearbeitet. Der Kratzer dient zum Entfernen des Mistes dazwischen und für die Sohle kommt die Bürste an der Rückseite zum Einsatz, denn die Sohle ist sehr empfindlich und kann durch zu massive Bearbeitung geschädigt werden.

Als Nächstes steht das Bewegen der Pferde auf dem Programm. Jeanette Friedrich erklärt mir, dass ein Pferd von Natur aus nicht nur ein Flucht-, sondern auch ein Bewegungstier ist. Zuerst soll Campus an die Longe. Diese Bewegungstherapie ist für die Pferde eine willkommene Abwechslung. Als Erstes erfahre ich, wie die Longe, eine längere spezielle Leine, richtig eingehangen wird. Dann darf ich diesen, als ruhig klassifizierten Wallach über den Hof im Landgestüt Richtung Reitplatz führen, alleine.

Jeanette Friedrich und Swantje Peters folgen wir mit einigen Metern Abstand. Campus bewegt sich dabei nicht in dem von mir vorbestimmten Korridor, sondern   immer mal etwas rechts und links im Zickzackkurs. Da Campus gut einen Kopf größer ist als ich, habe ich nach wie vor gewaltigen Respekt. Die beiden Frauen erklären mir mit einem breiten Grinsen im Gesicht, dass es natürlich wichtig ist, auch einem Pferd zu zeigen, wer hier quasi Chef im Ring oder besser an der Longe ist. Mein Eindruck ist, dass haben Campus und ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht geklärt. Daher war ich erstmal erleichtert, als wir den Reitplatz erreichen. Als erste Grundregel lerne ich, dass es immer wichtig ist, die Longe stramm zu halten.

Übersetzt bedeutet das, sie soll den Boden nicht berühren. Swantje erklärt mir, dass es wichtig ist, dass das Pferd auf einen Zirkel läuft. Mit Geometrie hatte ich allerdings nicht gerechnet. Warum das so ist, wird mir relativ schnell klar. Wallach Campus versucht immer wieder nach innen, also quasi mir entgegen zu kommen. Swantje begründet das damit, dass man das Pferd immer wieder korrigieren muss, bis es gelernt hat, im Zirkel zu laufen, dessen Mittelpunkt ich bin. Nach gut 5 Minuten habe ich ehrlich gesagt genug mit Campus gezirkelt und mir ist schon ganz schwindlig vom Kreisverkehr. Die Frauen haben ein Einsehen und wir gehen zurück in den Stall. Als Nächstes steht Reiten als Bewegung an.

Dafür benötigt das Pferd natürlich einen Sattel und dazu muss es zuerst gesattelt werden. Man benötigt die Satteldecke und den Sattel. Jeanette Friedrich erklärt mir, dass der Sattel so liegen soll, dass die Vorderkante der Pauschen mindestens zwei Fingerbreit Platz zum Schulterblatt haben, wenn das Pferd normal steht. Verstehen kann ich diese Anweisung nicht, doch ich sehe, dass das optisch einen Sinn macht. Zum Schluss werden alle Gurte geprüft, ob sie auch in der optimalen Spannung sind.

Dann geht es diesmal in die Reithalle. Vor dem Betreten müssen wir stehen bleiben und Jeanette Friedrich erklärt mir, dass man ganz laut "Pferd kommt?" ruft, damit die in der Halle befindlichen Reiter wissen, jetzt betritt jemand die Reithalle. Das dient der Unfallvermeidung. In null Komma nichts sitzt Swantje im Sattel. In der Halle selbst ist ein Parcours mit kleinen Hindernissen aufgebaut. Jeanette Friedrich erklärt mir, dass es neben verschiedenen Gangarten auch zwei grundsätzlich verschiedene Richtungen gibt. Das eine sind die der Springpferde und das andere die der Dressurpferde. Ihr Programm ist teilweise gleich, jedoch vom Training her unterschiedlich. In der Halle gibt es in der Regel maximal drei Gangarten. Schritt, Trab und kurzer Galopp. Mir wird langsam mulmig im Magen. Denn jetzt bin ich dran.

Als Erstes versuche ich den Blickkontakt zu Campus zu bekommen. Vielleicht kann ich so herausfinden, ob er sich sogar auf einen Ritt mit mir einlassen möchte. Zur vorgeschriebenen Sicherheit bekomme ich natürlich einen Reithelm auf und Reitstiefel an. Um meiner unsportlichen Trägheit etwas Erleichterung zu verschaffen, bekomme ich auch eine Bank zum Aufsteigen.

Mittlerweile haben alle Reiter in der Halle ihre Arbeit kurzfristig eingestellt, um genussvoll an dieser Zeremonie teilzunehmen. Ihr durchweg aufgesetztes breites Lächeln signalisiert mir - ja, sie haben alle wirklich große Freude dabei. Leider konnte ich in diesem Moment diese Freude nicht teilen.

Mein Herzschlag verdoppelte sich und mein Puls erreichte so langsam die 180er Grenze.

Dann geht es auch schon los. Die beiden Auszubildenden im ersten und zweiten Ausbildungsjahr, Chantal Kunadt (17) und Lea-Sophie Striller (17), helfen abwechselnd Campus zu führen, während ich versuchte meinen Puls und die Nervosität in den Griff zu bekommen. Dann war es soweit, ich trete meine erste Runde alleine an. Plötzlich ein für mich nicht nachvollziehbar Ruf und der Wallach ging vom Schritt in den Trab über. Dabei bemerkte ich Muskeln, wo ich mir gar nicht sicher war, dass ich diese besitze. Sodann die Erlösung, Reitstunde beendet!

Jetzt stellte sich die Frage, wie komme ich vom Pferd wieder runter? Swantje zeigt es mir anhand eines anderen Pferdes, dann versuche ich diesen eleganten Hüftschwung und irgendwie war ich wieder unten. Stolz wie Oskar nahm ich Bodego (Campus) und drückte, streichelte ihn, klopfte anerkennend auf seine Schulter. Ich würde mal sagen, wir beide sind an diesem Tag so ziemlich beste Freunde geworden. Anschließend verbrachten wir einige Pferde in das Bewegungskarussell und dann endlich die erlösende Mittagspause. Nach der Pause brachten wir ein paar andere Pferde auf die nah gelegene Koppel. Für mich endet nun der Tag, für die anderen Pferdewirte noch lange nicht.

Für Chantal Kunadt, Lea-Sophie Striller und Swantje Peters vom Landgestüt Sachsen-Anhalt, geht es dann rüber in die Besamungsstation, dort ist Marcus Kurze verantwortlich. Auch das gehört mit dazu. "Da geht es um das Absamen der Hengste und Besamen der Stuten, um die Versorgung beim Abfohlen und um das Eingewöhnen der Fohlen sowie dessen Aufzucht", umreißt Jeanette Friedrich kurz den Werdegang der Station von Marcus Kurze.

Im Anschluss ist wieder Bewegung mit den Pferden angesagt. Die Tiere sollen auch am Nachmittag gymnastiziert werden. Dies bedeutet neben der allgemeinen Bewegung z. B. Training für das Freispringen, Dressur, Springen und so weiter. Zudem hat sich der Hufschmied für den Nachmittag angekündigt, auch das gehört zu den allgemeinen Aufgaben. Nach der abendlichen Fütterung, denn die Pferde müssen auch bis zum Abend hin versorgt werden, werden die Tiere für die Nachtruhe mit einer Pferdedecke abgedeckt. Jeden Tag reiten, Pferde füttern, versorgen und pflegen, für die Auszubildenden und Angestellten im Landgestüt ein Traumberuf, für mich bedeutet das vor allem körperlich harte Arbeit.


Mein persönliches Fazit:

Der Beruf als Pferdewirt ist für Menschen, die Tiere lieben und gerne an der frischen Luft sind, eigentlich perfekt. Jedoch sollte man auch die Anstrengungen und den Stress, der auf einen zukommt, beachten. Zudem sollte man in einer guten körperlichen Verfassung mit viel Kondition sein. Überdies sollte man jederzeit für Wochenend- bzw. auch mal Nachtschichten bereit sein. Der Beruf ist nicht geeignet für Menschen mit Berührungsängsten gegenüber Tieren.


Das Landgestüt:

Das Landgestüt beschäftigt 28 Mitarbeiter, davon sind neun Auszubildende. Im Hengstbestand befinden sich zurzeit 20 Warmblut- und Kaltbluthengste sowie Berittpferde anderer Züchter. Dem Gesamtpferdebestand gehören gut 80 Tiere an.  In Prussendorf werden zur Eigenversorgung und zum Verkauf ca. 750 Hektar Ackerland bewirtschaftet. Zurzeit haben die Angestellten große Sorge um den Erhalt des Landgestütes Sachsen-Anhalt GmbH. Kürzungspläne des zuständigen Ministeriums zum Verkauf größerer Ackerflächen könnten das Aus bedeuten. Es laufen Verhandlungen, diesen Verkauf zu stoppen.

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