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Mario Wetzel Mario Wetzel
aktualisiert am 11.04.2018 um 17:20:09

Liebhaberei am Webstuhl

Astrid Berger am Webstuhl Astrid Berger am Webstuhl
Foto: Margit Herrmann Galerie (4 Bilder) Galerie (4 Bilder) Galerie (4 Bilder) Galerie (4 Bilder)
Gezielt huschen die Finger von Astrid Berger (Foto) über die blauen Fäden, während klassische Musik den Raum erfüllt. Neben ihr liegt ein Bündel schwarzes, derbes Pferdehaar, jedes einzelne wird geschickt an seinen Platz gebracht. In einer Stunde schafft die Rentnerin einen bis zwei Zentimeter. Nach über 40 Stunden „haargenauer“ Arbeit ist das Resultat endlich sichtbar: neun Schwalben flattern aufgeregt um ein Kabel.

Astrid Berger ist Handweberin. Im Jahr 1964 begann sie ihre dreijährige Ausbildung in der brandenburgischen Prignitz. „Bereits als Kind bin ich mit dem Handwerk in Berührung gekommen“, erzählt die 71-Jährige. „Meine Großeltern stammten aus Mecklenburg und lebten in der bäuerlichen Wirtschaft. Dort stand in jedem Gehöft ein Webstuhl, an dem in den Wintermonaten unter anderem die Aussteuer der jungen Mädchen entstand.“

Bereits während ihrer Lehre kaufte sich Astrid Berger mit der Unterstützung der Eltern einen Flachwebstuhl für 1 000 Mark. „Das war damals sehr viel Geld“, erklärt sie. „Mein Lehrlingsgehalt betrug maximal 65 Mark.“ Doch stellte sich heraus, dass früher oder später alle Weber mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hatten. „Das Soll an einem Tag war groß“, erinnert sie sich, während sie das nächste Pferdehaar in ihr Arbeitsstück einwebt. „Handwerker mussten damals zehn bis zwölf Wolldecken à zwei Meter Länge am Tag schaffen. Auch das Schöpferische des Weberhandwerks ging bei der Arbeit nach Leistung weitestgehend verloren.“

In ihrem Beruf sah die junge Astrid Berger also keine Zukunft. So widmete sie sich dem Museumswesen und studierte in Leipzig Geschichte/Kulturgeschichte. Als Diplom-Museologin war sie ihr Leben lang tätig. Doch Astrid Berger kam von dem Beruf des Handwebers einfach nicht los. Stolz hält sie eine über 50 Jahre alte Leinendecke in den Händen – ihr Gesellenstück. Die fein säuberlich gewebte Decke können sich Besucher der Freyburger Burgmühle, in der sich ihr Atelier befindet, ansehen.

Dort steht seit fünf Jahren auch ihr Webstuhl, an dem sie jeden Tag zwei bis drei Stunden webt. Im benachbarten Ausstellungsraum können sich die Besucher ihre rund 60 Arbeiten anschauen. Eine 20-teilige Bildserie befasst sich mit der über 1 000-jährigen Geschichte des Weinbaus an Saale und Unstrut. Sie ist ein Beitrag zur Heimatgeschichte und wird auf Wunsch der Besucher durch einen Kurzvortrag begleitet. Gegenüber hängen Bilder mit Motiven aus der Natur: Vögel, Pflanzen, Bäume, Lurche, Insekten und Pilze.

„Als ich in Rente ging, erinnerte ich mich an die Materialkunde der Schulzeit. Da fiel mir das Rosshaar wieder ein“, so Astrid Berger. „Da ich etwas Besonderes machen wollte, also nicht nur Bordüren weben, entwickelte ich die Bildweberei mit Pferdehaar im Verlauf von 15 Jahren. Diese Variante ist meines Erachtens nach einzigartig.“

Alles, was still hält, zeichnet die Künstlerin selbst von der Natur ab. Alles Weitere wird von Zeichnungen und Fotos skizziert. Dem künstlerischen Entwurf folgt in der Umsetzung das Streben nach naturgetreuer und präziser Wiedergabe. Die Bildwerke in ihrer filigranen Ausführung tragen grafikähnlichen Charakter.

Zurzeit arbeitet sie an einer Serie Alpenblumen, Blumenportraits, bei der natürlich die Traditionsblumen Edelweiß und Enzian nicht fehlen dürfen. Das benötigte Rosshaar bestellt sie bei einem Münchener Tierhaarhandel. Ein Bündel, das so stark wie ein Pferdeschweif ist, kostet um die 30 Euro.

Vor 200 Jahren hätte Astrid Berger in Freyburg 80 Weberkollegen, alle Meister, gehabt. Die Wollweber betrieben damals ihre eigene Walkanlage zur Veredlung der Stoffe in der Freyburger Burgmühle. Über einen Verkauf ihrer Werke denkt Astrid Berger nicht nach. Sie ist glücklich, wenn ein weiteres Bild die Ausstellung vergrößert.

Anmeldungen zu einer Besichtigung werden telefonisch entgegengenommen, egal an welchem Tag und zu welcher Uhrzeit. Aber vielleicht haben Sie Glück und treffen Astrid Berger in ihrem Atelier in der Freyburger Burgmühle an.

Begleitet wird die Werkschau durch die museale Darstellungen zur Geschichte der Freyburger Burgmühle und des Weberhandwerkes.Sehen, anfassen und testen – auch Schulklassen sind in die Bildungs- und Begegnungsstätte eingeladen.


Kontakt
Astrid Berger
Telefon: 034464/2 7 727
Schauwerkstatt des Weberhandwerks
Mühlstraße 10
06632 Freyburg
 

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