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Mario Wetzel Mario Wetzel
aktualisiert am 12.04.2018 um 11:55:14

Der Falschgeldskandal von Radegast


Foto: Sebastian Köhler Galerie (2 Bilder) Galerie (2 Bilder)
An dieses dunkle Kapitel aus der Geschichte der Stadt Radegast (erste Erwähnung um 1244) erinnert die „Falsch- münzerei Radegast anno 1780“. Diese ist seit 2007 Bestandteil des Heimat- und Trachtenvereins Radegast. Vier Mitglieder betreuen unmittelbar die Falschmünzerei, im Heimatverein sind rund 20 Leute organisiert.

Um die Jahrtausendwende 2000 gab es Anfragen zur Falschmünzerei in Radegast. Aus diesem Grund begannen Gerd Teuchler und Maria Hellmich sich im Landeshauptarchiv Oranienbaum, später dann in Dessau, intensiv mit der Geschichte auseinanderzusetzen. Umfangreich sichtete man alte Schriften und fand viel Material in Köthen, Bitterfeld und Dessau. Die Archivbeiträge gehen zurück auf das Justizamt Qualendorf (heute Quellendorf). Darunter waren auch Unterlagen zum Falschmünzer von Radegast. „Die Unterlagen haben sich gelesen wie ein Krimi“, so Gerd Teuchler. „Viele Kopien wurden gezogen, und aus allen gesichteten Unterlagen sind bereits 1 000 Seiten Heimatgeschichte für Radegast entstanden. Diese werden derzeit Korrektur gelesen.“

In Radegast öffnete der Apotheker Ziervogel 1780 eine Apotheke, vermutlich am Standort der heutigen Apotheke im Ort. In Radegast gab es zu dieser Zeit bereits einen Arzt und einen Barbier, sie betreuten alle Kranken des Amtes Radegast (Zehmitz, Zehbitz, Lennewitz, Wehlau und Wadendorf). Der Antrag des Apothekers auf Eröffnung einer Apotheke wurde vom fürstlichen Amt genehmigt, obwohl Arzt und Barbier dagegen waren. Sie fürchteten um „ihr ärmliches Brot“. Ziervogel soll in der Überlieferung „großspurig“ gewesen sein und immer Geldprobleme gehabt haben. Er hatte einen Bekannten, dieser war Schlossermeister – und der fertigte die Prägestempel vom „Preußischen Groschen“ an. Der Preußische Groschen war ca. 20 mm im Durchmesser groß.

Ziervogel schlug (schmiedete) die ersten Münzen im Keller, was aber sehr laut war und ihn verdächtig machte. Deshalb beschaffte er sich eine Handspindelpresse. Damit konnte mehr geprägt werden, die Qualität wurde besser und der Vorgang leiser. Der Schlossermeister stellte die Kupferrohlinge her, der Apotheker und Chemiker überzog diese mit Silber und so wirkten sie wie echt.

Zu den Geldproblemen des Apothekers wurden in den Archiven Geldwechsel von einem Geldverleiher in Jeßnitz gefunden. Ziervogel hatte sich dort mehrfach 50 bis 60 Silbertaler geborgt. Diesem Geldverleiher bot Ziervogel nun seine selbst geprägten Münzen an: „Ich habe falsche Groschen, gib mir Pfennige dafür.“ Doch der Geldverleiher schrieb 1786 einen Brief an das fürstliche Amt: „Der Apotheker Ziervogel ist heute mit schlechtem Gelde bei mir gewesen.“

Es kam zu Hausdurchsuchungen in Radegast beim Apotheker, und in den Akten dazu steht: „Der Apotheker Ziervogel wurde gefänglich eingezogen.“ Er kam erst nach Bitterfeld und dann nach Halle in die „Frohe Vesta“. In den Archiv- unterlagen steht über diese Zeit: „Erzwingung Geständnis durch Folter“, „in Ketten und Schnüren vorgeführt“ und „Ziervogel geständig“.

Ein Preußischer Groschen waren 1780 „Ein Vierundzwanzigstel vom Taler“. Ziervogel wurden Fälschungen für rund 250 Taler nachgewiesen. Im Vergleich: Ein Handwerker verdiente zu dieser Zeit vier Groschen am Tag.

Noch im Gefängnis gab man Ziervogel Papier und Feder und er musste seine Presse aufzeichnen. Diese Skizze und sein Geständnis wurden auch in den Archiven gefunden. Die Strafe? Im Sachsenspiegel wurden für Falschmünzerei als Strafen „Herstellung von Falschgeld kostet ihm den Hals“, „In Umlauf bringen kostet die Hand“ angegeben. Ziervogel wurde 1787 in Halle hingerichtet, die Strafe lautete „Tod durch das Schwert“.

Nach dem mehrere Jahre dauerndem Aktenstudium reifte 2002 bei den Radegastern die Idee des funktionsfähigen Nachbaus der Falschmünzerei. Ein Kellerraum dafür war schnell gefunden und die Idee in die Tat umgesetzt. Als günstig erwies sich, dass sich die Räume des Heimat- und Trachtenvereins an die Falschmünzerei anschlossen.

Schon im Mai 2003 wurde die Falschmünzerei Radegast eröffnet. Zur Eröffnung gab es eine Medaille, die Vorderseite zeigt die Falschmünzerei im Keller, die Rückseite das Stadtwappen von Radegast. Die Handspindelpresse stammt aus dem Jahr 1920, hergestellt in Aschaffenburg. Der Prägedruck beträgt 20 bis 25 Tonnen.

Seit dem ist die Falschmünzerei nach Terminvereinbarung geöffnet oder kann regelmäßig zum „Tag des offenen Denkmals“ besichtigt werden. Viele Schulklassen waren schon da, ebenso viele Besucher. Der Falschmünzer, dargestellt durch Gerd Teuchler, trägt bei den offiziellen Anlässen die Alltagskleidung des Apothekers in Weiß und eine Kniebundhose.

Sein Komplize, wie der Schlossermeister heute bezeichnet wird, wird von Peter Raschta dargestellt und trägt die Festtagskleidung der Präfektur Radegast des 17. und 18. Jahrhunderts. Hilfe bekommen beide durch die Ehepartner und durch Mitglieder des Heimat- und Trachtenvereins. Auf Reisen geht es mit der „kleinen Presse“. So kann auch vor Ort geprägt werden. Gerd Teuchler gestaltet die Entwürfe nach Ideen des Veranstalters und lässt die Prägestempel dann auch anfertigen.


Kontakt

Gerd Teuchler
Radegast, Zehmitzer Straße 20
06369 Südliches Anhalt
Tel./Fax: 034978/2 14 51
Mobil: 0170/80 40 190
E-Mail: ge-teuchler@t-online.de

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