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Wochenspiegel > Unser Land > Vom Banker zum Brenner >
Mario Wetzel Mario Wetzel
aktualisiert am 23.04.2019 um 08:13:47

Vom Banker zum Brenner


Foto: Martin Schumann Galerie (2 Bilder) Galerie (2 Bilder)
Seit Ende 2012 entstehen in der Vorburg von Schloss Neuenburg bei Freyburg edle Brände und sogar Whiskys. Matthias Hempel (Foto) hat sich mit seiner Edelbrennerei dort einen Lebenstraum erfüllt. Zum Hochprozentigen kam der 55-Jährige allerdings über Umwege. Zunächst spielte der Wein eine große Rolle in seinem Leben, 19 Jahre lang war er Winzer im Nebenerwerb, neben seinem eigentlichen Job als Banker. Den verlor er im Zuge der Finanzkrise, klagte gegen seinen Arbeitgeber und hatte in den zwei Jahren, die der Prozess sich hinzog, genügend Zeit für eine Neuorientierung. Den Weinbaubetrieb verkaufte er.


Brennrechte vom Hauptzollamt Magdeburg

„Es ist sozusagen eine Weiterentwicklung vom Winzer zum Brenner. Die 12 Prozent haben mir einfach nicht mehr gereicht“, sagt Matthias Hempel augenzwinkernd und lacht. „Die Idee für eine Brennerei gab es schon länger, aber ich hatte auch immer wieder gehört, dass man hierzulande einfach keine Brennrechte bekommt.“ Ein Zeitungsartikel, der Hempel 2008 oder 2009 in die Hände fiel, änderte dies. Darin war die Rede von einer neu eröffneten Brennerei im Oderbruch. Hempel fuhr hin, informierte sich aus erster Hand. Am Ende bekam er dann selbst eine Brenngenehmigung vom Hauptzollamt Magdeburg.

Räumlichkeiten zu finden, war dann die zweite Herausforderung. Durch Freyburgs Bürgermeister kam Hempel an die Kulturstiftung Sachsen-Anhalt, die Eigentümer von Schloss Neuenburg ist. 2011 wurde der Innenausbau der Räume in der Vorburg geplant, 2012 ging es dann los. „Ende 2012 stand die Anlage“, erinnert sich Matthias Hempel.

Doch mit glänzendem Kupfer und blinkendem Edelstahl allein ist noch nicht viel anzufangen. Um Schnaps zu brennen, braucht man viel Knowhow und vor allem Erfahrung. Auch diese eignete sich Matthias Hempel über mehrere  Jahre an.


Ausbildung zum Brenner

Begonnen hat er 2011 mit einem Wochenendkurs für Klein- und Obstbrenner in Stuttgart. „Das war so viel Input, das kann man in der kurzen Zeit gar nicht verarbeiten“, so Hempel. Also ließ er eine zweijährige Ausbildung an der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau in Veitshöchheim folgen, 2013 hatte er den IHK-Abschluss als Brenner in der Tasche. „Ein Sachse und ich, wir waren die Exoten in unserem Lehrgang“, erinnert sich Hempel. Andere Bundesländer, vor allem die süddeutschen, sind aus Tradition wesentlich affiner für Hochprozentiges.

Und weil Matthias Hempel kein Mann ist, der halbe Sachen macht, hängte er an seine Ausbildung gleich noch den Meister dran. Zwar keine Voraussetzung für den Betrieb einer Brennerei, aber „ich wollte es richtig machen“, sagt er. Deswegen nahm er sich auch viel Zeit, tingelte vor und während seiner Ausbildung durch zahlreiche Brennereien von Bekannten, lernte die verschiedensten Anlagen kennen. „So konnte ich gut ausprobieren und die Entscheidung treffen, was ich mir für meine eigene Brennerei bauen lasse“, begründet Hempel. Denn nicht nur ein Lehrgang, sondern bekanntlich auch die Übung macht letztlich den Meister.

Beim Brennen verfolgt Matthias Hempel eine ganz klare Philosophie. Keine Zusatzstoffe, keine Chemie, auch kein Zucker - obwohl dieser in engen Grenzen sogar erlaubt wäre. „Nichts Maschinengeerntetes, nichts was auf der Erde lag, nichts aus dem Kühlhaus“, stellt er klar. „Ich brenne nur handgepflücktes, frisches Obst.“ Dabei macht Hempel auch vor vermeintlich kuriosen Grundzutaten nicht halt, probiert gern Außergewöhnliches. Bananen aus Costa Rica hat er schon gebrannt, als Meisterarbeit lieferte er einen Brand aus Granatapfel ab. „Für die Württemberger im Kurs war das verrückt“, erinnert sich Hempel. Doch die Prüfer wussten seine Innovation zu würdigen - es war eben nicht die fünfte Williams-Birne, die sie zu begutachten hatten. Wer viel probiert, dem geht auch mal was schief. „Mango ist nichts geworden“, gibt Matthias Hempel zu. Doch ansonsten macht er vor nichts halt.


Mispel, Schlehe, Brombeere

Besonders alte Sorten und Wildobst haben es ihm angetan: Mispel, Schlehe, Brombeere. Die Mengen sind klein, die Preise entsprechend hoch. „Aus 300 Kilo Äpfeln bekomme ich neun bis zehn Liter Brand. Anders sieht es bei Vogelbeeren aus, da kriege ich aus der gleichen Menge nur zwei Liter raus. Aus 100 Litern Quittenmaische entstehen etwa ein bis anderthalb Liter Brand“, erklärt Hempel. Dass eine Flasche von 350 Millilitern Inhalt dann 25, 30 oder sogar 48 Euro kostet, verwundert da kaum. Um die 40 Sorten - zehn Liköre, 30 Brände - hat Hempel im Sortiment, außerdem Whisky und Rum. Anhänger haben seine edlen Tropfen nahezu in ganz Deutschland, Pakete gehen nach Sylt und Frankfurt, sogar nach Österreich und die Schweiz. Zahlreiche Preise von Messen und Leistungsschauen wie der Destillata, der World Spirit oder der Craft Spirits Berlin künden von der hohen Qualität, die Hempels Produkte auszeichnet.

In der Saison kaufen Touristen viel bei ihm. Einheimische sind eher zögerlich. „Aus Tradition ist das hier eben keine Gegend für Brände“, weiß Matthias Hempel. „Viele sind überfordert, haben keine Vergleichsgröße wie vielleicht beim Wein.“ Dennoch gebe es ein paar Kenner in der Region, die seine Arbeit zu schätzen wissen. Auch Hotellerie und Gastronomie fragen Hempels Produkte mehr und mehr nach. Die Leute langsam an das Thema heranzuführen, ist eines seiner Ziele für die kommenden Jahre, Führungen und Verkostungen bietet er daher regelmäßig an. Und natürlich will Hempel weiter experimentieren. „Gemüsebrände und Wodka habe ich bisher noch nicht versucht“, sagt er. „Einen Karottenbrand habe ich schon länger im Kopf.“


Erster Whisky nach drei Jahren Reife

Gespannt ist er auch auf seinen Whisky. Dieses Jahr kann er zum ersten Mal verkostet werden, dann ist er drei Jahre und einen Tag gereift. Neben normalen Eichenfässern sucht Hempel auch hier das Besondere. „Vor fünf Jahren habe ich einen Kirschbaum gefällt und daraus ein Fass bauen lassen. Das Holz hat weniger Farbe als Eiche, mehr Süße, weniger Gerbstoffe. Ich weiß selbst noch nicht, was da passiert“, räumt Matthias Hempel ein. „Das werden wir in drei oder vielleicht auch fünf Jahren sehen“, sagt er und offenbart damit ein weiteres essenzielles Talent: die Geduld.

INFO
Edelbrennerei Schloss Neuenburg
Matthias Hempel
Schloss 5
06632 Freyburg
www.schlossbrennerei.eu

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