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Mario Wetzel Mario Wetzel
aktualisiert am 20.03.2020 um 16:39:48

Keine Zeit für Schäferstündchen

Es gibt unzählige Bildnisse davon: Ein Schäfer ruht im Schatten eines Baumes. Daneben grasen friedlich Schafe. Das Idyll ist ebenso so romantisch wie trügerisch. Denn Schäfer machen vor allem eines: Sie arbeiten hart und das für wenig Geld.

Ein Donnerstagmorgen im Dezember 2019. Auf dem Gelände des Landgutes Krosigk im Saalekreis. Die Stalltür wird aufgeschoben. Zig hundert Schafsköpfe fahren herum und schauen neugierig, wer da kommt. Die 1055 Mutterschafe scheinen Besuch erwartet zu haben, denn alles ist hergerichtet. Frisch geschoren sind sie. Frisch eingestreut ist der Stall. „Anfang Dezember haben wir unsere Tiere hereingeholt“, erzählt Schäfermeister Christian Winz. „Bis Ende März bleiben sie im Stall. Sie lammen in dieser Zeit und kümmern sich um die Kleinen. Langeweile kommt da nicht auf.

Auch bei mir nicht, denn ich habe für kräftigende Futtermenüs, die Geburtshilfe und Gesundheitskontrolle der Tiere zu sorgen.“ Der 40-Jährige ist beim Landgut Krosigk angestellt und Hirte von insgesamt 1300 Île de France-Schafen sowie zehn Hütehunden – gemeinsam mit seinem Bruder Michael und Vater Martin Winz, der ebenfalls Schäfermeister ist. Vater und Söhne Winz sind – neben den derzeit zehn weiteren Schäfern im Saalekreis – Berufsschäfer und Züchter aus Leidenschaft. Wer sich mit dem Thema „Schafhaltung in Deutschland“ näher beschäftigt, begreift, dass Leidenschaft inzwischen die Grundvoraussetzung für den Schäferberuf sein muss. Denn ohne sie gäbe es heute in Deutschland wie auch im Saalekreis weder Schafe noch Schäfer.


Erträge minus Kosten ergeben oft Null

Schafhaltung in Deutschland, das macht auch das Gespräch mit Schäfermeister Winz deutlich, ist ein ambitioniertes Unterfangen. Weil für die Schafprodukte Wolle, Milch und Fleisch kaum kostendeckend bezahlt wird. Dieser Fakt ist für Jedermann nachlesbar: in Presseveröffentlichungen, bei Verbänden und Vereinen der Schäferzunft, in Statistischen Jahrbüchern. Christian Winz bestätigt den Fakt am Beispiel Wolle: „Die Schur unserer Schafe vor zwei Tagen ergab nach Abzug der unverwertbaren Kopf- und Beinwolle rund drei Tonnen verwertbares Wollvlies. Der Erlös dafür deckt gerade einmal die Schurkosten. Es ist seit Jahren ein Null-zu-Null-Geschäft.“

Beim Lammfleisch falle die Bilanz ähnlich aus. Weil die Futterkosten für die Lämmer so hoch seien und die Fleischpreise niedrig. Mit dem billigen Lammfleisch, das aus Neuseeland und Australien herübergeflogen komme, könne und wolle man nicht mithalten. „Geld verdienen wir derzeit vor allem mit den Schafen in der Fläche“, sagt der Schäfer. Das heißt, mit der Landschaftspflege der Trocken- und Halbtrockenrasen im Naturschutzgebiet der Franzigmark sowie der Saalehänge bei Wettin – insgesamt sind das 200 Hektar Weideland, welches das Landgut Krosigk von der NABU-Stiftung gepachtet hat.

„Millionär wird man damit nicht, aber man kann leben“, sagt Christian Winz. Wirtschaftlich überleben können Schäfer vor allem deshalb, weil es für ihre und die Arbeit der Schafe als weidende Landschaftspfleger und Artenvielfalt-Erhalter verschiedene Beihilfen und Agrarfördermittel aus der EU gibt. Die haben sich Hirten und Schafe redlich verdient. Es ist wenig Geld für harte Arbeit, mit der sie unterm Strich (auch das ist nachprüfbar in Statistischen Jahrbüchern) gerade mal den Mindestlohn erwirtschaften – und das bei Wind und Wetter sowie an 365 Tagen im Jahr.

„Gut zehn bis zwölf Stunden haben wir täglich zu tun“, sagt Christian Winz: „Wenn wir von März bis Dezember mit den Schafen draußen sind, beginnen die Tage besonders früh. Zuerst versorgen wir die Hunde. Dann wird der Nachtpferch, ein mobiler Weidezaun, ab- und an neuer Stelle wieder aufgebaut und eine Tränke aufgestellt. Von 10 bis 18 Uhr ziehen wir mit unseren Herden, dirigieren sie als Weidemanager an die fruchtbarsten Stellen, hüten sie und schauen dabei auch auf die Gesundheit der Tiere. Die Zieh- und Hütezeit nutzen wir zugleich für die Arbeit mit den Hunden. Die brauchen ein stetiges Training. Am Abend dann werden die Hunde zurückgebracht und versorgt, danach steht noch Verwaltungs- und Dokumentationsarbeit an.“


Schafe sind multitalentierte Landschaftsgestalter

Zeit für Schäferstündchen bleibt da nicht. Auch für die Schafe nicht. Denn sie haben genauso viel zu tun wie der Schäfer: Sie fressen und halten damit die Landschaft frei von Verbuschung und Verwaldung, wovon seltene, lichtbedürftige Pflanzen, bodenbrütende Vogelarten und allerlei Kleinlebewesen profitieren; sie transportieren als vierbeinige Taxis – mehr als der Wind – Pflanzensamen und kleine Tiere von A nach B und erhalten damit auch am Ort B die Artenvielfalt; und sie sorgen mit ihren Trippelschrittchen, dem sogenannten „goldenen Tritt“, sowie mit dem Abfressen des Grüns bis zum Wurzelstock für eine dichte Grasnarbe, die nicht nur zum Boden-, Wasser- und Luftschutz beiträgt, sondern auch Deiche stabil hält.

Bei all ihrem Tun sind die Tiere ganz bei sich – draußen unterwegs im Grünland und geborgen in der Herde. Damit ist die Schafhaltung eine der letzten weitestgehend artgerechten Nutztierhaltungen in Deutschland und eine Landwirtschaftsform, der es gelingt, Tierwohl, landwirtschaftliche Produktion und Naturschutz miteinander zu verbinden.


Schäfer ringen um Wertschätzung

Dass Schafhaltung und Beweidung gebraucht wird und zu fördern ist, steht auf dem Papier der agrarpolitischen Leitlinien von EU, Bund und Ländern. Trotzdem müssen die Schafhalter in Deutschland – so ist in der Presse zu lesen – nach wie vor darum ringen, dass Förderinstrumente wie Weidetierprämie und Beihilfen für den Herdenschutz vor dem Wolf eingeführt beziehungsweise angepasst werden.

„Wir Schäfer wünschen uns mehr Wertschätzung von Politik und Gesellschaft für unsere Arbeit“, bekräftigt Christian Winz. Und dass die bürokratischen Hürden abgebaut würden, wünschen sich die Schäfer ebenfalls. Sie werden auch weiterhin ihre Leidenschaft, Kompetenz und Tierliebe in die Waagschale werfen. So wie es auch Christian Winz tut, denn, so sagt er, „ich genieße meine Arbeit mit den Tieren, das Leben um mich herum. Ich mag die Ruhe in der Natur, die Freiheit, draußen zu sein und dass ich sehen kann, was wir tun – die Veränderung der beweideten Flächen, die gestaltete Landschaft, die festen Deiche. Ich bereue bis heute nicht, dass ich in die Fußstapfen meines Vaters getreten bin.“ Vater Martin, der übrigens im August 2019 mit seinen Hunden Gretel und Prinz von der Seebener Alm im Landesleistungshüten den 1. Platz und kurze Zeit später im Bundesleistungshüten den 2. Platz errungen hat, wird dieser Satz sehr freuen.

 

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